Drais: Die erste Bergtour der Fahrradgeschichte

Baden-Baden. Als Karl von Drais am 12. Juni 1817 auf Jungfernfahrt von Mannheim nach Schwetzingen geht, ist seine geniale Erfindung bald in aller Munde. Noch bezeichnet er sie als Fahrmaschine.

Um im Gespräch zu bleiben, organisiert Drais in den Sommermonaten 1817 eine zweite Probefahrt. Sie führt in die Kurstadt Baden, das heutige Baden-Baden. Ein kluges Marketing: Halb Europa ist dort zur Sommerfrische versammelt. Das noble Publikum im Modebad mit Spielcasino ist stets auf der Suche nach Unterhaltung.
Als der Erfinder mit seinem Zweirad den Schwarzwaldpass zwischen Gernsbach und Baden unter die Räder nimmt, horcht die Öffentlichkeit auf:
Die erste Bergetappe der Zweiradgeschichte.

"Der Freyherr Karl von Drais, welcher nach glaubwürdigen Zeugnissen, Donnerstag den 12. Juny d. J. mit der neuesten Gattung der von ihm erfundenen Fahrmaschinen ohne Pferd von Mannheim bis an das Schwetzinger Relaishaus und wieder zurück, also 4 Poststunden Wegs in einer Stunde Zeit gefahren ist, hat mit der nämlichen Maschine den steilen, zwey Stunden betragenden Gebirgsweg von Gernsbach hierher in ungefähr einer Stunde zurückgelegt, und auch hier mehrere Kunstliebhaber von der großen Schnelligkeit dieser sehr interessanten Fahrmaschine überzeugt."
Badwochenblatt vom 29. Juli 1817

Auf zwei Rädern zu balancieren, das war damals absolut unerhört. Das konnte man nur ein paar wenigen wagemutigen jungen Männer zumuten. Der Rest der Bevölkerung hat nur gestaunt.


1817: Von Gernsbach nach Baden - Die erste Bergetappe der Fahrradgeschichte

Wir staunen auch heute über Mut und Selbstvertrauen des Karl von Drais und fahren mit dem Mountainbike bzw. dem Tourenrad die Strecke nach. Jedoch als Rundtour über 37 km. Wir meiden die Autostraßen, nicht jedoch die touristischen Sehenswürdigkeiten. Unseren GPX-Download finden Sie hier.

Am Bahnhof Baden-Baden starten wir und verlassen den Ortsteil Baden-Oos in nördlicher Richtung. Zuerst queren wir den Park von Schloss Favorite, einem unberührten Denkmal des 18. Jahrhunderts. Ab Kuppenheim folgen wir dem Fluss Murg stromauf. Dies ist Teil der bekannten Tour de Murg.

Wir kommen am Schloss in Bad Rotenfels vorbei. Das wenig später folgende Unimog-Museum ist einen Besuch wert. Auch Zweiradfahrer können die Fahrleistungen dieses geländegängigen Wagens bewundern. Tipp: Unbedingt eine Fahrt mit dem Unimog buchen.

Wenig später folgt im Gaggenauer Stadtteil Hörden die Radfahrerkirche. Sie ist ADFC-Fördermitglied und bietet neben Erholung das, was Sie auf der Tour vielleicht brauchen: Flickzeug, Schlauch und Luftpumpe, Informationen zu touristischen Sehenswürdigkeiten der Region sowie eine kleine Trikotausstellung.

In Gernsbach verlassen wir die Wegweisung Tour de Murg. Den durch überregionalen Holzhandel zu Wohlstand gekommenen Ort kannte Drais schon von seiner Jugend. Hier steigt es bereits innerhalb der Wohnbebauung bergan. In der Altstadt können wir uns stärken, bevor wir hinauf zum Scheitelpunkt Müllenbild und dann hinab nach Baden-Baden fahren.

Von der Altstadt geht es zur Badener Straße (L 78), der wir bis zum Ende der Bebauung folgen. Dann links ab auf eine Mountainbike-Strecke. Dieser Waldweg verläuft etwa parallel zur Badener Straße. Drais benutzte selbstverständlich die Straße. Heute ist sie ausgebaut und für Rennradler geeignet. Doch uns zieht es in den Forst. Den damaligen Straßenverhältnissen kommt man in der Waldpassage durchaus nahe.

Tourenfahrer müssen bis zur Passhöhe eventuell 2-3 mal vom Rad und schieben. Das wird auch Drais so ergangen sein.

"Die Bequemlichkeit einer Chaise mit Pferden, in der man ja auch schlafen kann, hat meine Maschine nicht; denn rücksichtlich der Anstrengung ist das Fahren darauf mit dem Gehen zu Fuß oder mit dem Reiten zu vergleichen, und um auf gewöhnlichen Landstraßen vier Stunden Wegs und im Gebirge zwei in einer Stunde zurück zu legen, gehört ein gewisser Grad von Fertigkeit und Kraft dazu. Auch ist bei tiefem Koth und Schnee dem Fußgänger nicht viele Kraft dadurch gespart."
Karl von Drais in "Museum des Neuesten und Wissenswürdigsten", 1818

Oben auf 382 m Höhe können wir verschnaufen und Drais' sportliche Leistung würdigen. Dann gilt es zu wählen: Der Straße hinab ins Oostal folgen oder weiter auf der Mountainbike-Strecke. Wir folgen dem Track „Durch den einsamen Stadtwald“. Das dürfte eher dem Fahrgefühl von Drais entsprechen.

Allerdings sollte man etwas Fahr- und Bremstechnik beherrschen. An steilen Stellen ist die Abfahrt durch heraus gewaschene Steine erschwert.

Fast wie damals: Droschken vor dem Theater Baden-Baden

Beide Tour-Varianten kommen im Baden-Badener Ortsteil Lichtental zusammen. Wir folgen dem Flüsschen Oos durch die berühmte Lichtentaler Allee und kommen zu Theater, Kurhaus und Casino, der "guten Stube" Baden-Badens. Die Chance, Personen von (Geld-)Adel oder (Fernseh-)Prominenz zu treffen, ist hier wie vor 200 Jahren besonders groß.

Vorbei an Trinkhalle und Festspielhaus folgen wir der Oos bis zum Ausgangspunkt Bahnhof.

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