Radschnellwege - Vorbild Niederlande

Seit einiger Zeit wird in Radlerkreisen und auch im Landesverkehrsministerium vermehrt über „Radschnellwege“ oder „Radschnellverbindung“ diskutiert. Radschnellverbindungen (RSV) bieten Radfahrerinnen und Radfahrern eine attraktive Möglichkeit, längere Strecken zügig und sicher zurückzulegen.

Im Mai 2019 wurde der erste Radschnellweg (RSW) in Baden-Württemberg eröffnet. Die Strecke zwischen Böblingen/Sindelfingen und Stuttgart wurde auf einer ehemaligen Militärstraße gebaut. Es sollen durchaus mehr werden.

Im Land wurden 70 „Verdachtskorridore“ untersucht. Im Ergebnis gibt es:

  • ca. 30 Radschnellverbindungen (vordringlicher Bedarf):
    Potential > 2.000 Radfahrende / Tag
  • ca. 20 potentielle Radschnellverbindungen:
    Potentiale liegen leicht unter dem Schwellenwert – könnten sich aber durch lokalspezifische Faktoren (große Arbeitgeber, Schulen, Universitäten, …) die bei der landesweiten Betrachtung nicht berechnet werden konnten als „radschnellverbindungswürdig“ erweisen
  • 18 Strecken Hauptradrouten:
    Unter 1.500 Radfahrende / Tag – Einstufung als Radschnellverbindung nur bei Nachweis entsprechenden Bedarfes

Sie umfassen rund 1.000 km Strecke. Das Land plant und baut drei Radschnellverbindungen als Leuchtturmprojekte und steigt damit auf ausgewählten Strecken auch als Bauherr aktiv in die Umsetzung ein. Bereits jetzt unterstützt das Land regionale Projekte, übernimmt nun aber zusätzlich die Baulastträgerschaft für die Radschnellverbindungen Heidelberg–Mannheim, Heilbronn–Neckarsulm–Bad Wimpfen und Esslingen–Stuttgart.
Aktuell wird in unserer Region ein möglicher Radschnellweg (RSW) Karlsruhe-Rastatt diskutiert. Aber was ist eigentlich ein Radschnellweg und warum können Radfahrer sich darüber freuen?

Radschnellwege, was ist das und was bringen sie uns?

In den Niederlanden sind die schnellen Direktverbindungen für den Radverkehr längst ein Erfolgsmodell – vor allem im Berufsverkehr. Hier tragen sie entscheidend dazu bei, den Verkehr vom Auto aufs Rad zu verlagern.


Diese lichte und schön gestaltete Unterführung unter einer Hauptverkehrsstraße im niederländischen Zwolle lässt erst gar kein unwohles Gefühl aufkommen (Foto: Ulrich Kalle)

Der Begriff leitet sich vom niederländischen „fietssnelweg“ ab. In der deutschen Adaption geht allerdings das erklärende Wortspiel verloren, denn der Begriff leitet sich von „autosnelweg“ ab, dem niederländischen Wort für „Autobahn“. Und an den Qualitätsmerkmalen für Autobahnen bemisst sich dann auch die Definition für einen fietssnelweg (in Anlehnung an Wikipedia Niederlande): Minimum sind zwei Fahrstreifen (einer je Richtung) mit einer Breite von 2,00 m (je Fahrstreifen!), wobei ausschließlich Fahrräder (einschließlich Pedelecs, aber keine Mofas) zugelassen sind. Fußgänger erhalten in aller Regel daneben einen eigenen Bürgersteig. Ähnlich einer Autobahn soll ein fietssnelweg soweit irgend möglich kreuzungsfrei sein, was durch Brücken und Unterführungen erreicht wird. Die Zufahrt erfolgt wiederum autobahnähnlich über Anschlussstellen. Und eine glatte Asphaltdecke gehört selbstverständlich auch dazu.

Diese Qualitätskriterien zielen nicht auf die Maximierung der Höchstgeschwindigkeit; es geht vielmehr um eine möglichst hohe Durchschnittsgeschwindigkeit auf längeren Strecken. Selbstständig geführte Radwege mit vergleichbarem Ausbaustandard gibt es schon lange in vielen niederländischen Städten.

Fahrrad als Konkurrent zum Auto

Neu ist allerdings der Ansatz eines gezielten Baus von langen Fietssnelwegen als Konkurrenz zum Auto. Im Rahmen des nationalen Antistauprogramms entstand 2006 als Sofortmaßnahme das Programm „fiets filevrij“ (staufrei Radfahren). Damit sollen Autofahrer im „fahrradtauglichen“ Entfernungsbereich zum Umstieg auf das Fahrrad bewegt werden. Dieser Entfernungsbereich wird mit bis zu 15 km angesetzt, was auf derart gut ausgebauten Wegen durchaus realistisch ist - spätestens bei Einsatz von Pedelecs, die sich in den Niederlanden noch besser verkaufen als in Deutschland.


In Houten wurde die Hauptverkehrsstraße angehoben, so dass Radfahrer ohne Höhenunterschied durch die Unterführung fahren können (Foto: Ulrich Kalle)

Das lässt sich die niederländische Regierung auch etwas kosten: Alleine für die ersten 16 Routen wurden 10 Mio. Euro bereitgestellt. Die fünf wichtigsten Strecken sind mittlerweile (Stand 2019) fertiggestellt, 18 weitere befinden sich in der Umsetzung und für vier Routen wird noch die Machbarkeit geprüft.
Ein ganz besonderer Leckerbissen für Radler wird die „Slowlane“ (welch ein irreführender Name!) in Eindhoven. Selbstständig im Grünen geführt soll sie auf 32 km Länge die Top-Unternehmensstandorte von Bildung, Forschung und High-Tech-Industrie miteinander verbinden. Eingebettet in das Gebietsentwicklungsprojekt „Brainport Avenue“ wird dieser „Superradweg“ mit 9 Mio. Euro gefördert.


Hier sind die Verhältnisse einmal umgedreht worden: Die Radverkehrshauptachse wird bevorrechtigt über eine Hauptverkehrsstraße des Autoverkehrs geführt (Zwolle, Foto: Ulrich Kalle)

So ganz neu ist die Idee mit den Radschnellwegen allerdings nicht. Bereits im Jahr 1900 verband ein Radschnellweg die US-Städte Los Angeles und Pasadena. Die aufgeständerte Holzkonstruktion führte in einigen Metern Höhe kreuzungsfrei über das schon damals dichte Verkehrsnetz; eine Qualität, die seither niemals wieder erreicht wurde. Ironie der Geschichte: Anstatt über die Mauteinnahmen Gewinn zu erwirtschaften fiel die Strecke alsbald der aufkommenden Massenmotorisierung zum Opfer und auf ihrer Trasse entstand dann die erste Autobahn der USA.


Auf so gut ausgebauten Radwegen macht das Radfahren richtig Spaß, mit der eigenständigen Beleuchtung auch noch nach Sonnenuntergang (Zwolle, Foto: Ulrich Kalle)

Erster Radschnellweg entstand in Wuppertal

Der wahrscheinlich erste deutsche Radschnellweg im Sinne der niederländischen Definition entstand in Wuppertal. Auf Betreiben der (auch vom ADFC mitgetragenen) „Wuppertalbewegung“, die für die bettelarme Stadt Wuppertal den kommunalen Eigenanteil gesammelt hat, entstand dort auf der „Nordbahntrasse“ ein traumhafter Radweg. Die Nordbahntrasse ist eine stillgelegte zweigleisige Bahnstrecke. Der neue Radweg ist vier Meter breit; daneben steht für Fußgänger ein zwei Meter breiter Gehweg zur Verfügung. Mit Hilfe von Tunnels und Viadukten führt der Weg kreuzungs- und steigungsfrei durchs Stadtgebiet und erschließt über 100.000 Einwohner Wuppertals für den Radverkehr. Die Nordbahntrasse ist seit Dezember 2014 auf gesamter Länge fertiggestellt.


Der großzügig ausgebaute Radweg erschließt in der niederländischen „Fahrradmodellstadt“ Houten ein Wohngebiet im neuen Stadtteil Castellum (Foto: Ulrich Kalle)

Kommt Radschnellweg Rastatt-Karlsruhe?

In unserer Region wird der RSW Rastatt-Karlsruhe untersucht. Der ADFC schlägt eine Strecke entlang der Schnellbahntrasse vor.
Ein solcher Radschnellweg nach Vorbild der Niederlande wird auch über längere Strecken eine umweltfreundliche  Alternative zum Auto bieten.


Alle Fotos: Ulrich Kalle
Autoren: Ulrich Kalle, Klaus Mutterer

© ADFC BW 2020

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