Am 19. Oktober 2014 steht die Wahl zum Tübinger Ober­bürger­meister an. Das Thema Radverkehr war bislang kaum Thema des Wahlkampfes. Zusammen mit dem VCD hat der ADFC den KandidatInnen „Wahlprüfstein“-Fragen gestellt. 3 von 4 Kandidaten antworteten – wenn auch Frau Soltys unsere Terminplanung ziemlich in Verzug brachte. Sehr erfreulich, ist dass alle Befragten sich unserer Forderung für eine großzügige Radstation direkt neben dem Bahnhof anschließen. Auch die Antworten zu möglichen Öffnungen der Fußgängerzone für Radfahrer und Verbesserungen zur Radmitnahme im Bus machen Mut. Wir werden den/die neue OB beim Wort nehmen - unterstützen Sie uns dabei!

Die Fragen des VCD (und die Antworten dazu) finden sie hier.

Frage:

Seit der StVO-Novelle 1997 dürfen Radwege nur noch dort als benutzungspflichtig beschildert sein (also mit den runden blauen Schildern mit Fahrrad), wo eine nachgewiesene, besondere Gefahrenlage besteht. Werden Sie Druck machen, dass die Stadtverwaltung ihren Pflichten nachkommt und Radverkehr in der Regel auf der Fahrbahn zulässt?

Häns Dämpf:

Also Druck gegenüber der Stadtverwaltung ist unfair. Das ist ein ziemlich anstrengender Job in der Verwaltung und ich geh denen bestimmt nicht jeden Tag auf den Sack. Die Novelle klingt wieder so nach deutscher Überbürokratisierung. Soll doch jede Kommune so etwas selbständig entscheiden? Auf der Fahrbahn fahrradfahren finde ich doof. Also jetzt mal was grundsätzliches: Ich bin wirklich Intensiv-Fahrradfahrer und wenn krass Stadtverkehr ist, bin ich eher für klar getrennte Radwege. Oder wenn es dunkel ist. In der Weststadt (Kelternstraße/Westbahnhofstraße) wurde ein Fahrradweg vom Gehweg auf die Straße verlegt. Seitdem fahr ich da nachts immer (und ich fahr mit Licht und pipapo) immer auf dem Gehweg. Das ist sicherer. Ich will nicht sterben und mich von den vielen Autos, die mich dann nicht sehen, umfahren lassen. Zu meiner eigenen Sicherheit müssen die Fahrradwege getrennt von den Gehwegen weg von der Straße. Ja, und weiß Gott was, gibt es irgendwelche Studien. Das ist eben auch eine empirische Erkenntnis, wenn Fahrradfahrer dann Angst haben nachts auf der Straße zu fahren. Ist halt so. Ich glaub nicht, dass ich da der einzige bin.

Boris Palmer:

Ja, das ist schon der Fall.

Beatrice Soltys:

Ja dafür werde ich mich einsetzen. Andererseits müssen die Rahmenbedingungen, z.B. max. Tempo 50, Verkehrsbelastung etc. vorher geprüft werden, damit auch ein sicheres Fahren möglich ist.

Frage:

Welche Maßnahmen schlagen Sie vor, um baldmöglichst ein durchgängiges Netz von ausgeschilderten Radrouten zu schaffen?

Häns Dämpf:

Man könnte einfach die Radrouten ausschildern und erstmal gescheite Radwege überall schaffen.

Boris Palmer:

Keine mehr. Der Auftrag ist erteilt, die Beschilderung wird im wenigen Wochen beginnen.

Beatrice Soltys:

Auf der Grundlage einer Routenkonzeption mit Haupt - und Nebenrouten will ich für eine rasche Umsetzung über einen Etappenplan erreichen. Ziel: Jedes Jahr wird ein definiertes Maßnahmenpaket im Finanzhaushalt bereitgestellt und umgesetzt.

Frage:

Die Umgestaltung des Busbahnhofs am Bahnhofsvorplatz ist in der Diskussion. Die derzeitige Planung sieht nur recht wenige Radstellplätze im jetzigen Fußgängertunnel vom Anlagenpark vor - mit weitem Weg über Treppen bis zum Bahnsteig. Werden Sie sich mit Nachdruck für eine großzügige Radstation direkt neben dem Bahnhof einsetzen, hell und mit kurzen Wegen (Vorbilder: Freiburg, Mannheim)?

Häns Dämpf:

Also, ich bin eh komplett dagegen den Europaplatz umzubauen. Der Söhlke meinte, dass das 10 Mio. kostet. Wie man an Stuttgart 21 sieht, wird das aber wohl eh wieder teuer. Von daher: Warum stecken wir die Kohle nicht einfach in den sozialen Wohnungsbau? Und, ja, wir brauchen da irgendwas besseres vor dem Europaplatz. Solche Fahrradstationen wie von der Soltys vorgeschlagen: Why not? Aber ich nutz die eh nicht. Oder wir machen es gleich wie im Kommunismus: Da die Fahrradsituation eh so chaotisch ist, stellt die Stadt alle Fahrräder und jeder zahlt eine kleine Steuer. Aber nee, wär auch nicht gut, wegen Liberalismus. Ich bin ja für eine Kombination aus Liberalismus und Kommunismus. Aber kostenlose Fahrräder wären schon cool.

Boris Palmer:

Ja, ich halte eine solche Radstation für sinnvoll. Die derzeitige Planung lässt diese Option auch auf verschiedene Arten zu. Dass das Geld und Fläche benötigt ist klar - ich denke aber, dass der Gemeinderat den Bedarf auch sieht.

Beatrice Soltys:

Ja! Ich habe z.B. in Ludwigsburg am Bahnhofswestausgang ein Fahrradparkhaus geplant, welches auch umgesetzt wurde. Dieses Modell hat sich bewährt und ich kann es mir für Tübingen als Modell vorstellen.

Frage:

Bislang sind die Regeln für die Mitnahme von Fahrrädern im Bus unnötig kompliziert und restriktiv. Setzen Sie sich für die Radmitnahme in allen Bussen ein – sofern der Platz nicht aktuell für andere Fahrgäste bzw. Kinderwagen benötigt wird?

Häns Dämpf:

Nö. Viele Deutsche sind viel zu dick. Und die sollen gefälligst den Berg hochfahren, damit sie etwas von Ihrem Speck abtrainieren. Und außerdem: Rollstuhlfahrer, die sind erstmal wichtiger als Fahrradfahrer, die können wirklich nicht den Berg hoch. Und wenn jemand Asthma oder so hat: Mein Lungenarzt hat mir gesagt. Mach Sport! Also mach ich das und fahr auch wenn Tübingen nach einem bekannten Lied sehr hügelig ist, gerne die Berge hoch. Ich bin mal mit dem Rennrad den Feldberg hochgefahren. Dagegen gibt es in Tübingen eigentlich nur leichte Erhöhungen. Und wer will, kann sich gern auch ein Elektro-Rad kaufen, da kann man auch ordentlich Stoff geben und das ist auch anstrengend.

Boris Palmer:

Nein, die derzeitige Regelung ist zur Sicherung der Fahrplanstabilität leider unverzichtbar. Eine Öffnung strebe ich beim Transport defekter Fahrräder an.

Beatrice Soltys:

Ja! Angesichts der Topographie von Tübingen ein ganz dringliches Anliegen, besonders auch für Senioren die in der Stadt Rad fahren wollen.

Frage:

Im Zinserdreieck ist einiges getan worden, um die Aufenthaltsqualität zu erhöhen. Welche konkreten Schritte wollen sie machen, um diesen Prozess auch zwischen Neckar und Unicampus umzusetzen und die Dominanz des MIV zu mindern? Was werden Sie insbesondere zur Entschärfung von Gefahrenpunkten für Radfahrende auf dieser zentralen Radverkehrsachse tun?

Häns Dämpf:

Ich habe keine Ahnung, wer der MIV ist, aber ich bin jetzt auch echt zu müde das alles nachzuschlagen. Ich komm einfach grad zu nix, sorry. Ich mach halt Wahlkampf und arbeite nebenher noch. Ich würde dann, wenn ich OB werde, Boris Palmer als Verkehrsplaner einsetzen und der soll mir dann Vorschläge machen. Ich schau mir das an, und wenn ich es mit dem ADAC abgestimmt habe und einen Kompromiss gefunden habe, dann mach ich es. Allerdings werde ich es nach außen kommunizieren, weil ich kann das deutlich besser als Palmer, ohne dass man immer gleich so viele Leute verschrecken oder vor den Kopf stoßen muss.

Boris Palmer:

Ich möchte möglichst rasch den Umbau des Rings um den alten botanischen Garten in Gegenverkehr angehen. Dann können die Radwege auf die Straße gelegt werden.

Beatrice Soltys:

Sie sprechen die Sperrung der Mühlstraße an für den Motorisierten Individualverkehr. Auf Grundlagen der Darstellung aller verkehrlichen Konsequenzen für die Gesamtstadt sollten die Bürger dazu befragt werden. Die gesamte Radverkehrsachse muss mit entsprechenden Aufmerksamkeitsmaßnahmen, z.B. Abmarkierungen, an Querungen und Straßenrand, als Fahrradroute eindeutig erkennbar umgesetzt werden.

Frage:

Würden Sie dafür sorgen, dass die Ampelschaltungen für den nichtmotorisierten Verkehr optimiert werden; insbesondere im Hinblick auf kürzere Wartezeiten für Fußgänger und eine „grüne Welle“ für Radfahrer?

Häns Dämpf:

Ja, auf jeden Fall. Das wäre cool. Grüne Welle sowohl für Autofahrer als auch für Fahrradfahrer, so dass man richtig durchheizen kann – egal auf welchem Gefährt!

Boris Palmer:

Hier sehe ich kaum noch Spielraum. Wir sind im Innenstadtbereich mit Umläufen von 45 Sekunden an der untersten Grenze. Die Busbevorrechtigung erfordert eine gewisse Flexibilität, die anderen Verkehrsarten abgeht. Wo sich durch Optimierungen und kleine eingriffe Verbesserungen erzielen lassen, unterstütze ich diese.

Beatrice Soltys:

Die Frage ist sehr komplex und muss auf Grundlagen von Leistungsfähigkeit von Knotenpunkten und Auswirkungen auf den entsprechenden Verkehrsfluss geprüft werden.

Frage:

Das Radfahren ist in der Fußgängerzone nicht erlaubt. Können Sie sich eine (auch tageszeitenabhängige) Aufhebung dieses Verbots vostellen? Wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?

Häns Dämpf:

Nein – das finde ich doof. Ich fahre sehr gerne (vor allem nachts, heimlich) durch die Altstadt mit dem Fahrrad, wenn nicht viel los ist. Ich würde das aber nicht mehr machen, wenn es erlaubt wäre, weil es ja dann legal ist, und nicht mehr so cool. Man muss den Bürgerinnen und Bürgern auch die Möglichkeit geben, illegale Sachen zu tun. Und außerdem: Diese ganze Regulierungswut nervt. Was bringen denn diese ganzen Fragen fürs Weltklima. Ja, der Palmer hätte da wieder ganz tolle Antworten. So pseudo-abgeleitet. Aber in Wirklichkeit steht der doch auch so wie wir alle wie der Ochs vorm Berg, was die ganze ökologische Frage anbelangt. Das einzige, was helfen würde, wäre jetzt entweder so ein neuer Lenin (aber ein netterer, nicht mit den ganzen Toten) oder so eine Vision wie die von Jeremy Rifkin. Die Nullgrenzkostengesellschaft. Lasst uns alle Genossenschaften gründen und versuchen 3-D-Drucker und Energiewende voranzutreiben. Dann – wichtig – Google muss vergesellschaftet werden und demokratisch reguliert. Und wir können gleichzeitig alle Sozialunternehmer sein. Lasst uns Unternehmer sein und gleichzeitig die Welt retten. (Aber vielleicht ist das auch wieder verkürzt, wenn man Pikettys Ungleichheitstheorie liest.) Also: Liberalismus + Marktradikalismus + Kommunismus + Anarchismus + Fitze-Fitze-Fatzismus (Helge Schneider). Ich meine das übrigens ernst.

Boris Palmer:

Ja, auf definierten Routen mit geringem Konfliktpotenzial und in verkehrsarmen Zeiten. Allerdings muss dann auch in den Verbotszeiten schärfer kontrolliert werden.

Beatrice Soltys:

In den Fußgängerzonen nicht. Aber eine Trasse quer durch die Altstadt ist notwendig.

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