Tourbericht 2013 : RASTATT

Jahresausflug vom 6. bis 8. September 2013



Der absolute Höhepunkt der Radsaison
des ADFC Remseck ist unbestritten der Jahresausflug. Er ist die einzige Veranstaltung der Ortsgruppe an der nur Mitglieder teilnehmen können und die Plätze sind meist schnell vergeben.
In diesem Jahr fieberten wir dem Jahresausflug nach Rastatt entgegen. Warum Rastatt? Ist die Stadt den meisten doch nur als Produktionsstandort der Mercedes A-Klasse bekannt. Doch Rastatt hat sehr viel zu bieten und ist unbedingt einen Besuch wert.

Die barocke Festungs- und Residenzstadt Rastatt ist der badische Gegenentwurf zum württembergischen Ludwigsburg. Auch hier gibt es ein prunkvolles Barockschloss mit großem Garten, nach dem Vorbild von Versailles gebaut und eine barocke Altstadt mit Marktplatz und seinen repräsentativen Gebäuden und Brunnen.
Unser Hotel liegt mitten in der Altstadt und so können wir die Stadt zu Fuß erkunden. Am ersten Tag steht die Führung durch das Residenzschloss an. Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden Baden ließ des Schloss ab dem Jahr 1700 bauen. Als erfolgreicher kaiserlicher Feldherr im Türkenkrieg – er wurde auch der „Türkenlouis“ genannt - errichtete er seine Residenz mit dem repräsentative Pomp des absolutistischen Herrschers. Schon das Treppenhaus mit dem originalen Stuck ist imposant. Überall im Schloss künden Fresken von den Taten des Schlossherren und Stuckfiguren in Form von türkische Gefangenen müssen die Decke tragen. Die Höhepunkte der Führung sind der Fest- und der Ahnensaal. Hier wird man von der phantasievollen Ornamentik mit viel Gold, den Bildern und dem Deckenfresko gefesselt. Das Dach wird von Jupiter beherrscht, der seine Blitze in Richtung Straßburg schleudert.

Ganz in der Nähe von Rastatt liegt das Schloss Favorite, das wir am nächsten Tag besichtigen. Nicht so groß wie das Residenzschloss ist es doch ein einmaliges Juwel mitten in einem weiträumigen, barocken Park. Favorite ist das älteste und nahezu unveränderte, deutsche „Porzellanschloss“. Das einzigartige Lust- und Jagdschlösschen ist verschwenderisch mit Stuckmarmor, Fayencefliesen, Stuck und Fresken ausgestattet und birgt die weltweit größte Porzellansammlung.
Überwältigt von der Pracht, spazieren wir nach der Führung noch etwas durch den schönen Park und treffen uns „zufällig“ alle im Parkcafe wieder, das uns von der Schlossführung als bestes Cafe Badens neben dem von Baden-Baden angepriesen worden war. So viel Kultur macht hungrig und die Torten schmecken wirklich wunderbar.
Der Jahresausflug ist natürlich in erster Linie zum Radeln da. Wie es uns auf den drei Radtouren erging, davon soll in den nächsten drei Berichten die Rede sein. Der erste handelt von einer bösen Überraschung, einer alten Brücke und von vielen Störchen.

Freitag, 6. September

Die erste Tour: Eine Fähre die nicht fährt . . .
von Rastatt am Rhein entlang nach Lauterburg ( F ) und zurück        61 km

Am 6.9. herrscht schönstes Radelwetter. Wir fahren mit den Autos zum Treffpunkt in Rastatt. Kaum haben wir mit unseren Rädern der Stadt den Rücken gekehrt sind wir mitten in der Natur.
Über Dämme und durch Auenwälder erreichen wir Plittersdorf und weiter geht es zum Rhein um mit der neuen Rheinfähre „Saletio“ auf die andere Rheinseite zu fahren. Doch was ist das? Ein großes Schild verkündet, dass die Fähre heute bis 13:00 Uhr nicht fährt. Wir reagieren schnell und planen die Route neu über die Wintersdorfer Brücke. Leider ist der Weg am Rhein entlang mit groben Kieseln lose geschottert.
Endlich ist die die über 100- jährige Wintersdorfer Brücke erreicht. Als Eisenbahnbrücke gebaut, mehrfach zerstört, dient sie heute als provisorische Straßenbrücke. Auf der Brücke geht es etwas eng zu, da auch viele Autos die schmale Fahrbahn nutzen. So haben wir kaum einen Blick für die historische Tragwerkskonstruktion aus genieteten Stahlträgern und die herrliche Sicht auf die Staustufe Iffezheim.
Auf gut ausgebauten Radwegen auf der französischen Rheinseite radeln wir flott nach Norden. Große Kieswerke säumen den Weg. Wo der Abbau große Seen hinterlassen hat, gibt es weitläufige Badestrände oder die Natur erhält die Möglichkeit sich zu entfalten. In den Auenwäldern um die Seen hat eine Vielfalt an seltenen Pflanzen und Tieren eine neue Heimat gefunden. Besonders das Naturschutzgebiet Sauermündung ist ein wahres Vogelparadies. Wir hatten gehofft, dort auch einen Storch zu finden. Wir trauen unseren Augen kaum, gibt es doch zwischen Schwänen, Gänsen, Enten und Reihern weit über 20 Störche zu bewundern.
Bald darauf ist unser Ziel Lauterbourg erreicht. Die alte Festungsstadt wurde häufig durch Kriege verwüstet und bietet kaum alte Bausubstanz. Dennoch ist es ein schmuckes Städtchen, wie uns eine kleine Stadtrundfahrt mit dem Rad zeigt.

In flotter Fahrt geht es zurück nach Seltz, wo die Fähre wieder verkehrt und uns ans andere Ufer bringt. Wir sind früh genug zurück in Rastatt um uns noch etwas die Stadt ansehen zu können. Nach der Schlossführung treffen wir uns in einem Lokal mit sehenswerter Innenarchitektur, die vom Jugendstil geprägt ist. Glanzpunkt ist eine Majolikasäule im Schankraum. Der ungewöhnlich laue Abend ermöglicht es uns noch lange im Freien vor den Bistros in der Altstadt zu sitzen. Die Rastatter begrüßen uns sogar noch mit einem Feuerwerk, mit dem ein schöner Tag zu Ende geht.
Der nächste Bericht von der 2. Tour handelt von Überraschungen, Gold, der Lüneburger Heide, der Feuerwehr, dem Kloster Lichtenthal und …

Samstag, 7. September

2. Tour: Wie kommt die Lüneburger Heide nach Baden?
Rastatt - Iffezheim - Baden Airport - Baden-Baden - Rastatt         63 km

Der 7.9. bringt uns gleich eine böse Überraschung – es regnet stark! Wir studieren während des üppigen Frühstücks das Wetterradar und kommen zu dem Schluss, dass es besser werden muss. Wir besteigen optimistisch die Räder und rollen flott in Richtung Iffezheim. Nach 20 Minuten kommt die nächste unangenehme Überraschung – eine Schranke versperrt uns den Weg, obenauf ein Schild das verkündet, dass die Durchfahrt auf dem Weg samstags verboten ist.

Doch was ein echter Radler ist, der lässt sich nicht so leicht schrecken. Gemeinsam wird das Hindernis überwunden und wir fahren im Regen über aufgeweichte Wege, entlang Kanälen, Baggerseen, durch verwunschene Auenwälder nach Iffezheim zu der berühmten Galopprennbahn. Als wir das riesige Terrain bestaunen, hört es tatsächlich auf zu regnen. Da nur zwei Pferde trainieren, fahren wir bald weiter Richtung Rhein. Dort treffen wir auf die Goldbrücke, die daran erinnert, dass hier einst das Rheingold gewaschen wurde. Leider ist der Sand nicht sehr ergiebig, so schürft man hier schon lange nicht mehr und auch wir können der Versuchung widerstehen, nach einem großen Goldklumpen zu suchen. Kaum haben wir den Rhein erreicht, demonstriert uns die Rastatter Feuerwehr, wie man ein großes Boot zu Wasser lässt.
Wir fahren weiter zum Baden Airport. Hier kann man erleben, wie die Flugzeuge recht niedrig landen. Diesmal haben wir aber Pech, der Wind steht anders herum und so starten die Jets nordwärts auf der anderen Seite des Airports. Auf sandigen Wegen geht es weiter und ehe wir uns versehen fühlen wir uns auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz in die Lüneburger Heide versetzt. Die Heide leuchtet kräftig lila zwischen Ginster und Kiefern hervor.
Gut ausgebaute Radwege führen uns nach Oos und an der Oos entlang direkt nach Baden-Baden. Hier hat jeder viel Zeit zur freien Verfügung. Einige erkunden die Sehenswürdigkeiten von Baden-Baden, wie Kurhaus, Casino, Burda Museum, Kaiserthermen, usw.. Die anderen fahren entlang der berühmten Lichtenthaler Allee ins Kloster Lichtenthal. Dort im abgeschiedenen Klosterhof fällt alle Hektik von uns ab und wir genießen die tollen Torten des Klostercafes. Der Südwestfunk unterhält uns mit einer Klanginstallation. Nur ungern verlassen wir das gastliche Kloster und radeln mit den anderen zusammen nach Rastatt zur Besichtigung des Favoriteschlosses – darüber wurde im letzten Bericht geschrieben.
Zum Abendessen überrascht uns das Restaurant Pagodenburg mit einer gehobenen Gourmetküche. Das Lokal liegt wunderbar im Park an der Pagodenburg und der Einsiedlerkapelle. Da außerdem die Luft außergewöhnlich lau ist, sitzen die meisten ADFCler noch lange nach 22:00 Uhr draußen.
Leider verheißt der Wetterbericht für den 8.9. nicht Gutes. Am Sonntag geht es um den größten Marktplatz, die größte Sense der Welt, den Königshammer und die „Hutzenbacher macine“.

Sonntag, 8. September

3. Tag: Tour de Murg - immer bergab !
Das Murgtal hinunter von Freudenstadt bis Rastatt        66 km

Immer bergab fahren, das ist der Traum eines jeden Radlers! Aber ganz so einfach wird es dann doch nicht. Beim Frühstück ist die Stimmung recht gedrückt, weil es in Strömen regnet. Nach langer Diskussion beschließt die Gruppe dennoch zu starten. Rasch wird das Gepäck in den Autos verstaut und um 9.24 Uhr stehen alle am Bahnsteig, um die Räder in den Zug nach Freudenstadt zu laden. In den speziellen Radwagons sind die 20 Räder schnell fixiert. Erwartungsvoll nehmen wir in den Personenabteilen Platz und genießen die abwechslungsreiche Bahnfahrt entlang der Murg nach Freudenstadt. Die Landschaft wird immer wilder, Tunnel, Brücken und schluchtenförmige Täler wechseln einander ab. Zur großen Überraschung kommt sogar die Sonne raus. In Freudenstadt laden wir die Räder aus und überwinden die ersten Höhenmeter hinauf zum Marktplatz. Der Freudenstädter Marktplatz ist der größte bebaute Marktplatz Deutschlands. Als die Stadt 1598 von Heinrich Schickhardt auf dem Reißbrett geplant wurde war der Marktplatz wesentlich kleiner geplant. Der Stadtgründer Herzog Friedrich I wollte hier ein großes, befestigtes Schloss bauen. Da der Herzog 1608 verstarb, bevor der Schlossbau begonnen wurde, blieb das Zentrum leer und wurde landwirtschaftlich genutzt. Heute ist es eine schmucke Parkanlage. Wir radeln einmal um den Platz, dann geht es sehr steil hinunter ins Christophstal. Dort stoßen wir auf die Grube Sophia wo früher Eisenerz abgebaut wurde. Das Erz wurde direkt in der Nähe verarbeitet. Um 1800 gelang die Herstellung von sehr hochwertigem Stahl, der an Ort und Stelle zu Sensen verarbeitet wurde. Die Sensen wurden unter der Marke „Königshammer“ weltweit vertrieben. Im Museum Königshammer kann man die Sensenproduktion live erleben. Wir haben Glück und können zuschauen. Gleich neben der Schmiede ist die größte Sense der Welt zu bewundern.

Durch das Murgtal rollen wir flott bergab, müssen aber auch einige kurze, teils giftige Gegenanstiege überwinden. Mitten auf einem kleinen Steg finden wir die Tafel, die die Grenze zwischen Baden und Württemberg markiert. Hier gibt es Hinweistafeln, die die irren Auswüchse der Fehde zwischen Baden und Württemberg beschreiben. Die Holzwirtschaften im württembergischen Nagoldtal und im badischen Murgtal standen in einem heftigen Wettbewerb, was dazu führte, dass die Badener die württembergischen Holzflöße nicht durch ließen. In ihrer Not bauten die Württemberger 1753 die „Hutzenbacher macine“, eine abenteuerlich anzusehende, riesige Holzaufzugsmaschine, mit der sie die im oberen Murgtal gefällten Bäume 350 Meter hoch zogen und über Besenfeld ins Nagoldtal schafften. Erst 10 Jahre später einigte man sich mit Baden, die Stämme direkt zum Rhein zu flößen. Noch zäher ging es mit dem Bau der Murgtalbahn voran. Obwohl erste Teile der Bahn schon 1869 als Stichstrecken in Betrieb waren, dauerte es aufgrund unterschiedlicher Interessen bis 1928 bis die Strecke durchgehend befahrbar war.


Ab der Grenze führt uns der Radweg durch enge Schluchten mit atemberaubenden Tiefblicken, vorbei an Brücken, Tunneln und Felswänden nach Forbach. In Forbach haben wir eine schöne Aussicht auf die berühmte Forbacher Holzbrücke und den Forbacher Dom. Dann geht es nochmals kräftig hoch, wir müssen kräftig in die Pedale treten bevor wir hinunter ins untere Murgtal kommen. Weisenbach, die Altstadt von Gernsbach, das Schloss Rotenfels, das Unimogmuseum sind weitere Sehenswürdigkeiten auf unserer abwechslungsreichen und zum Glück auch trockenen Fahrt entlang der Murg nach Rastatt. Wir verstauen die Räder und feiern den Abschluss des Ausfluges in einem Cafe am Markt. Als wir nach Hause fahren, regnet es in Strömen.

Petrus ist doch ein Radler!

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