Toter Winkel - gibt's den?

Verkehrspädagogik

Bühl. Über die Gefahren des Toten Winkels wurden jetzt rund 450 Jungen und Mädchen dreier Schulen sensibilisiert. Organisiert wurde der Aktionstag durch Beate Link von der Stadt Bühl. Geschult wurden fünfte und sechste Klassen. Der ADFC Kreisverband Baden-Baden·Bühl·Rastatt übernahm die Ausführung.

Für die Aktion wurde bei der jeweiligen Schule ein Lkw der Stadt Bühl abgestellt. Das war für die Kinder interessant, denn sie durften die Fahrerkabine „entern“. Während ein Kind im Fahrerhaus saß und zwei, drei vor dem Laster standen, stellte sich die restliche Klasse in den toten Winkel neben dem Lkw. Davon gibt es mehrere: Die Flächen wurden mit Absperrband gekennzeichnet. So wurde den Kindern eindrucksvoll vor Augen geführt, dass sie nicht immer vom Fahrer gesehen werden können. Dann wurde getauscht, so dass jedes Kind einmal alle Stationen durchlaufen hat.

"Unfälle mit Kindern gehören nach wie vor zum traurigsten Kapitel unseres Verkehrsalltages."
Statistisches Bundesamt

Es gibt Stimmen, die den Toten Winkel abstreiten. Denn: Seit März 2009 müssen alle Lkw mit Spiegeln ausgerüstet sein. Der Tote Winkel wird durch korrekt ausgerichtete Weitwinkelspiegel ausgeleuchtet. Fahrzeuge mit Totem Winkel sind somit nicht konform zur StVZO. Theoretisch. Doch im stressigen Stadtverkehr - mit vielen anderen Fahrzeugen, Fußgängern, Radfahrern, Ampeln und Zeitdruck - ist es trotzdem für den Lkw-Lenker sehr schwierig, den Überblick zu behalten.
Spiegel reichen leider nicht aus, denn es kommt weiterhin zu schweren Unfällen. Eine verlässliche Statistik zu Unfällen mit der Ursache „Toter Winkel“ gibt es nicht.


Bänder markieren den Toten Winkel

Das Statistische Bundesamt schreibt: „Unfälle mit Kindern gehören nach wie vor zum traurigsten Kapitel unseres Verkehrsalltages. Im Durchschnitt kam im Jahr 2017 alle 18 Minuten ein Kind im Alter von unter 15 Jahren im Straßenverkehr zu Schaden. Insgesamt waren es 29 259 Kinder, die im Jahr 2017 auf Deutschlands Straßen verunglückten (+ 2,5 % gegenüber 2016).“

Hochrechnung des Unfallgeschehens
Das Bundesamt für Straßenwesen führt aus: „Im Unfallgeschehen des Radverkehrs besitzt der Konflikt zwischen rechtsabbiegenden Güterkraftfahrzeugen und den in gleicher Richtung geradeaus fahrenden Radfahrern eine besondere Bedeutung. Wegen der hohen Verletzungsschwere sind derartige Konflikte besonders gravierend. Unklar waren die genaue Anzahl der Unfälle und die Unfallschwere, welche in einem Zusammenhang mit dem „Toten Winkel“ eines Güterkraftfahrzeuges stehen können. Ein Grund liegt darin, dass in der amtlichen Straßenverkehrsunfallstatistik die Konfliktsituation „Toter Winkel“ nicht explizit erfasst wird.“
Das Bundesamt macht deutlich, dass „leichte“ Güterkraftfahrzeuge unter 7,5 Tonnen nur unwesentlich zu den schweren Unfallfolgen beitragen. Demgegenüber war bei 90 Prozent der in „Tote Winkel“-Situationen getöteten Radfahrern ein „schweres Güterkraftfahrzeug“ beteiligt.

Den Toten Winkel gibt es, sagt das Bundesamt und führt weiter aus:

"Treffen ein schweres Güterkraftfahrzeug und ein Fahrrad in einer „Tote Winkel“-Situation aufeinander, so wird im Durchschnitt eine Rad fahrende Person bei zehn Unfällen mit Personenschaden getötet; bei Kollisionen mit leichten Güterkraftfahrzeugen ist es „nur“ eine bei 549 Unfällen."

Die ungenaue Statistik wird jedoch ergänzt. Eine Hochrechnung auf das Bundesgebiet für das Jahr 2012 ergab, dass die Unfallsituation zwischen rechtsabbiegenden Güterkraftfahrzeugen und geradeaus fahrenden Fahrrädern in einem Zusammenhang mit dem „Toten Winkel“ eines Güterkraftfahrzeuges stehen können: Das entspricht einem Prozent aller Radfahrunfälle, jedoch rund sechs Prozent der dabei insgesamt 406 Getöteten. Diese Unfälle enden also häufig tödlich.
Immer wieder kommt es zu Unfällen wie im Mai 2018: Auf dem Weg zur Schule übersieht ein Müllfahrzeug den siebenjährigen Maurice in einem Kölner Vorort – der Junge war auf der Stelle tot. Zum Glück kam es in Bühl bislang nicht zu solchen schlimmen Unfällen mit städtischen Fahrzeugen.

„Niemand wünscht dem Fahrer eines Müllautos oder eines Busses, dass er während seiner Arbeit beim Abbiegen ein Kind auf dem Rad übersieht und tötet“, so ADFC-Kreisvorsitzender Ralph Neininger und fordert automatische Warnsysteme. Er beklagt, dass auf Seiten der Transportunternehmer aus Kostengründen wenig Bereitschaft besteht, solche Assistenzsysteme großflächig einzusetzen. Dabei fördert der Bund diese mit Zuschüssen von bis zu 80 Prozent.

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