Fahrradklima-Test 2018: Sinzheim/Baden-Baden/Rastatt

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Die Ergebnisse des Fahrradklima-Tests 2018 liegen jetzt vor. Es gab interessante Veränderungen.

Mitgemacht haben 2018 rund 170.000 Bürgerinnen und Bürgern, das sind 40 Prozent mehr als 2016. Der Anteil der ADFC-Mitglieder ist mit 15 Prozent gering. In die Wertung gekommen sind 683 Städte und Gemeinden, im Durchgang 2016 waren es 539.

Sinzheim
In Sinzheim haben 85 Bürgerinnen und Bürger am Fahrradklima-Test des ADFC teilgenommen. In der Stadtgrößenklasse bis 20.000 Einwohner erzielte Sinzheim Rang 12 von 35 im Land und Rang 43 von 186 bundesweit. Mit einer Gesamtbewertung von 3,5 (Schulnote) liegt Sinzheim etwas über dem Durchschnitt dieser Stadtgrößenklasse und liegt in beiden Fällen im oberen Drittel der Rangliste.

27 Punkte wurden in fünf Kategorien zur Wertung abgefragt. Besonders gut sind die Bewertung der Radwegebeschilderung, der Erreichbarkeit der Ortsmitte und das zügige Vorankommen mit dem Rad. Im untersten Bereich der Bewertung liegen die Führung an Baustellen, Werbung für das Radfahren und die Verfügbarkeit von öffentlichen Fahrrädern.

Der ADFC führt diesen Fahrradklima-Test seit 2012 alle zwei Jahre durch und Sinzheim hatte zum dritten Mal genügend Teilnehmerinnen und Teilnehmer, um in die Auswertung aufgenommen zu werden. In den meisten Bereichen ist eine Verschlechterung der Bewertung im Vergleich zu den Ergebnissen von 2016 zu verzeichnen. Besser wurden die Noten lediglich bei Reinigung der Radwege und bei der Wegweisung für Radfahrer. Bei letzterer war die landesweite Ausschilderung des RadNETZ-BW sicherlich ausschlaggebend.

Den größten Absturz von 3,4 auf 4,0 gab es bei Ampelschaltungen für Radfahrer. Da dürfte die an der Kreuzung Bergseestraße / B3 / Hauptstraße entfernte Möglichkeit des Überquerens als Radfahrer ursächlich sein. Auch an der Kreuzung beim Porschezentrum scheint Optimierungsbedarf vorhanden zu sein.

Die besten Noten gab es für die Erreichbarkeit des Stadtzentrums (2,1) und zügiges Radfahren (2,5). Mit 2,7 macht Rad fahren mehr Spaß als Stress, und das für Jung und Alt. Dass dies im Falle von Baustellen ins Gegenteil umschlägt, wird mit einer 4,1 deutlich quittiert, wenn Radverkehr nicht berücksichtigt wird. Auch Werbung für Radfahren (4,3) wird nicht erkannt, das verschlechtert die Gesamtwertung. Und insgesamt stellt sich die Frage, wohin will sich die Gemeinde entwickeln. Möchte man Radverkehr ausbremsen oder beschleunigen. Sollen Bewohner wie auch Durchpendler mit Freude aufs Rad umsteigen, damit die Autoschlangen durch Sinzheim kleiner werden, muss mit ganzheitlichem Denken die Infrastruktur für den Radverkehr betrachtet werden.

In Sinzheim gibt es einen Radweg, der östlich entlang der Bahntrasse von Nord nach Süd durch den Ort führt, aber auch viele Knackpunkte aufweist. Der überwiegende Radverkehr läuft über die Ortsstraßen. Deshalb muss die Kultur zwischen Radfahrern und Autofahrern positiv beeinflusst werden. Dann gewinnen alle.


Baden-Baden
Für Baden-Baden hatten 106 Teilnehmer das Fahrradklima in der Kurstadt in einem detaillierten Fragebogen auf der Skala 1 bis 6 mit einem Gesamtschnitt von 3,95 bewertet. 2016 war noch 3,77 erreicht worden. Die Einzelwerte bestätigen weitgehend die Benotung von 2016.

Die beste Teilnote 2,9 gibt es für die Erreichbarkeit des Stadtzentrums, die Verschlechterung gegenüber 2016 (2,5) dürfte mit der Baustelle am Leopoldplatz zusammen hängen. Diese hat auch den Radverkehr stark beeinträchtigt.

Die Verschlechterung für die Führung des Radverkehrs an Baustellen von 4,4 auf 4,7 dürfte die Quittung von Schwarzwaldstraße und Leopoldplatz sein, wo für den Radverkehr oft unnötig erscheinende Umwege entstanden, weil für den Radverkehr nicht mitgedacht wird.

Die Öffnung von Einbahnstraße in Baden-Baden (3,2 nach 2,9) hebt den Schnitt, hat bei Hauptstraße und Inselstraße aber noch Potential.

Nach Sanierung des größten Teilstücks auf der Grünen Einfahrt honorieren die Teilnehmer die signifikante Überarbeitung der Oberfläche der Radwege mit der größten Verbesserung von 4,3 auf 3,9. Auch hier bleibt Aufschwungspotential angesichts des seit Jahrzehnten andauernden Zustandes zwischen Wörthstraße und Sinzheimer Straße. 2019 soll die Sanierung hier folgen. Durch den besseren Fahrbahnbelag kommt es spürbar zu mehr Verkehr und zu höheren Geschwindigkeiten der Radfahrer- auf Kosten der gefühlten Breite.

Die Note 4,4 (4,2) fordert Verwaltung und Politik gerade angesichts des 2019 vorgesehenen Ausbaus auf, zumindest auf dem letzten Teilstück die zwischen den Bäumen mögliche Breite auszuschöpfen und dem umweltfreundlichen Rad- und Fußverkehr mehr Fläche zur Verfügung zu stellen. Das Sicherheitsgefühl hat sich verschlechtert von 3,9 auf 4,3. Konflikte mit Fußgängern (3,5 auf 3,9) wie mit Kfz (3,9 auf 4,2) nehmen zu.

Auch in der parallel verlaufenden Schwarzwaldstraße dürften die Umbaumaßnahmen in der Summe verschlechternd gewirkt haben. Fahren auf Radwegen wie auch Fahren im Mischverkehr sind bei zu engen Schutzstreifen oder Fahrbahnen kein Vergnügen für Radfahrende. Autofahrende müssen lernen, dass sie beim Überholen von Fahrrädern 1,50 m Seitenabstand einhalten müssen und eine gestrichelte Linie nicht den Raum für Kfz aufzeigt.

Durch die Vermehrung der Ampeln in der Schwarzwaldstraße ist die Attraktivität für den Radverkehr stark gesunken. Im ADFC-Klimatest hat dies zu einer weiteren Verschlimmerung der schon 2016 schlechtesten Teilnote geführt: 5,0 (4,7). Diese mit Abstand fahrradunfreundlichste Bewertung zeigt sich auch im Vergleich zu anderen Gemeinden gleicher Größe. Die Ampel mit den längsten Wartezeiten für Rad- und Fußverkehr steht am Verfassungsplatz. Hier sind nach Jahren des Stillstands die Politiker gefragt, mit einer Brücke oder Unterführung das Ausbremsen der umweltfreundlichen Verkehre zu beenden und für Rückenwind beim Radverkehr zu sorgen. Die Testergebnisse lassen in jüngster Zeit die Fahrradförderung vermissen (3,9 nach 3,7).

Auch die Verwaltung sollte mit nachhaltigen Kontrollen von Falschparkern auf Radwegen (4,9 nach 4,6) und Beseitigung von Hindernissen auf Radwegen (4,1 nach 3,9) mehr beitragen, den Radverkehr ins Rollen zu bringen. Dies gilt für Poller, Reinigung und Winterdienst. Wobei zu erwähnen ist, dass die Umfrage im Herbst 2018 endete, bevor der Winterdienst auf der neuen Grünen Einfahrt zum Einsatz kam.

Die vom Land begonnene Wegweisung vom RadNETZ zusammen mit der von der Stadt darauf aufbauenden Beschilderung führt zur Verbesserung von 3,4 auf 3,2. Damit verbunden ist das Denken in Verbindungen, was bei den Teilnehmern als Kommentar oftmals angesprochen wurde. Vermisst werden Verbindungen nach Varnhalt oder Ebersteinburg.

Diese neuen technischen Möglichkeiten sorgen für zügiges Fahren, was mit 3,2 (3,1) für Baden-Badener Verhältnisse hoch bewertet wurde. Angesichts der anzustrebenden Umstiege von Pendlerströmen vom Auto aufs Fahrrad ist dieser Aspekt besonders wichtig. Dazu meint der ADFC-Kreisvorsitzende Ralph Neininger: “Wenn Radfahren eine Strecke schneller überwindet als Autofahren mit Umwegen durch Tunnels und Parkplatzsuche, dann steigt die Begeisterung, umzusteigen. Die dann noch notwendigen Autofahrten kommen mit weniger Stau zügiger ans Ziel. Deshalb sollte eine Förderung des Radverkehrs in aller Interesse liegen.“

Die Akzeptanz der Radfahrenden als Verkehrsteilnehmer 4,0 (3,6) muss wieder zunehmen. Radverkehrsbeauftragte, die Werbung für das Radfahren machen, werden in Baden-Baden vermisst. In dieser Disziplin sind auch die Medien gefordert, deren Bewertung von 3,9 auf 4,2 gesunken ist.

Bei Baden-Badens größtem Fahrradparkplatz am Bahnhof führten die demolierten und demontierten Fahrräder zu einem Imageverlust und der Forderung nach besseren Radabstellanlagen (4,0 nach 3,8).


Rastatt
Für Rastatt hatten 114 Teilnehmer das Fahrradklima in einem detaillierten Fragebogen auf der Skala 1 bis 6 mit einem Gesamtschnitt von 3,9 bewertet. Bei der größten Fahrradstudie weltweit hat Rastatt im Vergleich zu den Städten in Baden Württemberg mit ähnlicher Größenordnung schlechter abgeschnitten als 2016.
Insbesondere beim Punkt Familienfreundlichkeit hat Rastatt noch einiges aufzuholen. Radwege zu Schulen und Betreuungseinrichtungen werden als problematisch eingestuft. Bemerkenswert ist, dass seit 2016 die Ampelschaltungen für Radfahrer von 4,2 auf 4,4 sowie das Falschparken auf Radwegen von 4,5 auf 4,7 schlechter eingeschätzt wurden.
Lediglich bei der Wegweisung der Radwege konnte Rastatt sein Niveau 3,0 halten. Das ist auf die RadNETZ-Initiative des Landes zurückzuführen.

Bei der Einschätzung des Radverkehrs spielte für die Teilnehmer an der Studie der hohe Fahrraddiebstahl und die sehr geringe Werbung fürs Radfahren eine maßgebliche Rolle. Angesichts der anzustrebenden Umstiege von Pendlerströmen vom Auto aufs Fahrrad sind diese Aspekte besonders wichtig. Einige Stellen in der Barockstadt wurden immer wieder angesprochen, wie der Rohrer Steg an der Badener Halle und andere Wege an der Murg, die für Radfahrer freigegeben werden sollten. Als Gefahrenpunkte insbesondere für Schüler wurden die Franzbrücke, unbeleuchtete Verbindungswege zu den Stadtteilen, der Radweg zum Bahnhof und die Stadtausfahrten Richtung Norden genannt. Besonders gefährlich sind PKW und Autoanhänger entlang des Berliner Rings zwischen B36 und Baldenaustraße, die dort regelmäßig auf dem Fahrradschutzstreifen parken und Radfahrer zwingen, den Schutzstreifen zu verlassen. Radfahrer mit Anhänger haben es besonders schwer, da vielerorts Absperrungen und Poller die Durchfahrt behindern. Die Teilnehmer der Studie wünschen sich ein Gesamt-Radfahrverkehrskonzept für Rastatt, damit gerade auch Kinder, Jugendliche und Ältere sicher durch die Stadt kommen.

Dazu meint ADFC-Mitglied aus Rastatt Edith Villwock: „Die topografische Lage und Größe von Rastatt ist ideal, um den Radverkehr optimal zu nutzen und auszubauen. Radfahren über eine Strecke unter fünf Kilometer ist günstiger, schneller, gesünder und ökologischer. Jetzt sollte es auch noch bequemer werden, dann verringert sich mit jedem Umsteiger der Parkdruck, die Straßen werden entlastet und die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt erhöht. Für die noch notwendigen Autofahrten gibt es dann genügend Parkraum und die Förderung des Radverkehr bringt so allen Verkehrsteilnehmern einen Vorteil“.


Erfreulich ist, dass Alt und Jung Rad fahren (3,5). Im Gesamtschnitt 3,3 (3,0) macht Radfahren trotz vieler im Detail abstellbarer Unzulänglichkeiten weniger Stress und mehr Spaß. Nur wer fährt, fühlt, wie es rollt.

Weitere Ergebnisse unter Fahrradklima-Test.de
Ein Dossier zum aktuellen Fahrradklima-Test gibt es unter adfc.de/dossier

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