Interview mit Petra Jacobi, Radverkehrsbeauftragte der Stadt Singen

Für das Jahresprogramm 2019 des ADFC Kreisverband Konstanz haben wir ein Interview mit Petra Jacobi geführt, die seit einem guten Jahr Radverkehrsbeauftragte der Stadt Singen ist. Hier finden Sie das komplette Interview zum Nachlesen.

Petra Jacobi

Bauingenieurin
Seit Juli 2017 bei der Stadt Singen:
Fachbereich Bauen, Abteilung Straßenbau
Bauleiterin, Radverkehrsbeauftragte.
verantwortlich für Rad- und Fußverkehr, sowie ÖPNV.
Vorgänger Dieter Rummel, seit Anfang 2018 im Ruhestand.
Alles zum Thema Mobilität in Singen auf
www.in-singen.de/Mobilitaet.582.html

Singen/Konstanz, Februar 2019

ADFC: Frau Jacobi, Sie sind nun seit einem Jahr Radverkehrsbeauftragte der Stadt Singen. Welche Situation haben sie vorgefunden?

JACOBI: Singen hat ein ausgezeichnetes touristisches Radwegenetz. Sowohl der Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee-Weg wie auch der Flusserlebnispfad Hegauer Aach führen durch die Stadt. Hier kreuzen sich Landesradwege mit einem großflächigen Alltagsradnetz. Für die Verbesserung des Alltagnetzes hat Singen schon 2012 mit Unterstützung des renommierten Instituts PGV aus Hannover ein Radverkehrskonzept erstellt, dessen Maßnahmen zu einem Drittel umgesetzt sind. Ziel ist ein sicheres und komfortables Radwegenetz zu schaffen, für Alltags- wie auch für Freizeitradler.

ADFC: Was sind die dringendsten „Baustellen“?

JACOBI: Die Oberflächenverbesserungen und gute Ausschilderungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Die größte Herausforderung ist hierbei Akzeptanz in der Bevölkerung zu gewinnen. Radverkehr ist gleichberechtigt, der Ausbau der Radinfrastruktur ist politisch gewollt und die hierfür notwendigen baulichen Maßnahmen müssen sowohl in der Stadt, wie auch in den Ortsteilen umgesetzt werden.

ADFC: Was sind die langfristigen Zielsetzungen Ihrer Arbeit?

JACOBI: Ehrgeiziges Ziel ist Singen „fahrradfreundlich“ zu gestalten. Dafür müssen vor allem die Lückenschlüsse der Radwegeführung hergestellt werden und zusätzlich sichere praktikable Radabstellanlagen in der Innenstadt und am Hauptbahnhof installiert werden.

ADFC: Wie empfinden Sie das verkehrspolitische Klima in der Singener Stadtverwaltung?

JACOBI: Herr OB Häusler ist überzeugter Radfahrer und unterstützt die Weiterentwicklung zur fahrradfreundlichen Kommune. Auch die Bürgermeisterin Ute Seifried ist begeisterte Alltagsradlerin, nicht nur auf der Fahrt zur Arbeit. Singen ist im EuropeanEnergyAward 2018 mit der Silbermedaille ausgezeichnet worden, ein bewerteter Anteil bildet der Bereich Radverkehr. In diesem hat Singen fast die volle Punktzahl erreicht. Das spornt mich weiter an. Singen hat in diesem Jahr nach einer Haushaltsbefragung einen Modal Split von 21% Radverkehrsanteil erreicht. Bei der Wirkungskontrolle 2009 waren es erst 10%. Das zeigt immer deutlicher, dass der Bedarf an einem gut ausgebauten Streckennetz schon jetzt gestiegen ist.

ADFC: Was tut Singen, um den Anteil weiter zu steigern?

JACOBI: Singen hat ein „Großes Förderpaket“ vom Verkehrsministerium Baden-Württemberg erhalten. Mit der Initiative Radkultur wird über zwei Jahre für das Radfahren geworben. 2018 wurden zu Veranstaltungen wie dem Stadtfest Maßnahmen wie Radchecks, Visual Bike Tours, Radstar-Wettbewerb angeboten. Unterstützt wird dies ebenfalls vom ADFC-Vorstand Singen und Radolfzell mit einer professionellen Codieraktion. Finanziell gefördert wurden 10 neue Radservice-Stationen, die nun auch in der Südstadt und somit in jedem Stadtteil von Singen für den Radfahrer zur Verfügung stehen.

Singen ist seit vielen Jahren AGFK-Mitglied, d.h. Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen. Öffentlichkeitsarbeit für den Radverkehr mit verschiedenen Kampagnen steht auch hier im Vordergrund. Im vergangenen Jahr wurde mit einem Duftherz für den Schulterblick geworben, aktuell gibt es eine Lichtaktion in Kooperation mit den Singenern Fahrradhändlern.

ADFC: Wagen wir einen Ausblick: Wo geht‘s hin?

JACOBI: Radschnellwege sind in der Planung, vorerst ist die Wegeverbindung Singen-Radolfzell-Allensbach bis Konstanz vorgesehen. Der genaue Verlauf der Strecke wird zurzeit in einer Machbarkeitsstudie untersucht. Für die weitere Förderung des Radverkehrs im innerstädtischen Bereich ist die Einrichtung von Fahrradstraßen von hoher Bedeutung. Dabei handelt es sich auch um empfohlene Maßnahmen aus dem Radverkehrskonzept. Erste Streckenabschnitte sind in der Nordstadt in der Straße Im Iben und in der Schillerstraße geplant und sollen bis Mitte 2019 schon eingerichtet werden. Ein anderer wichtiger Meilenstein ist eine überdachte Radabstellanlage am Hauptbahnhof. Im Anschluss an die Baumaßnahme Busbahnhof wird die Abstellanlage für fast 250 Fahrrädern montiert. Für die Stadtverwaltung wurden zehn neue Pedelecs bestellt, die für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung stehen.

ADFC: Was sind die langfristigen Ziele für den Radverkehr in Singen?

JACOBI: Fernziel ist das Einrichten von Leihsystemen für Fahrräder, Lastenräder und Pedelecs. Aber wie jede Maßnahme zur Förderung des Radverkehrs muss in Hinblick auf Vandalismus geprüft werden, ob diese auch für Singen brauchbar und sinnvoll ist.

ADFC: Welche Rolle und Möglichkeiten sehen Sie als Mitglied für den ADFC im Singen?

JACOBI: Aufgrund der hervorragenden Zusammenarbeit mit dem örtlichen Vorstand des ADFC Singen Herrn Dr. Lehn ist der ADFC wichtiges Mitglied im Arbeitskreis Rad- und Fußverkehr der Stadtverwaltung Singen.

ADFC: Wie sieht Ihr persönliches Rad-Nutzungsprofil aus?

JACOBI: Persönlich fahre ich sehr gerne mit meinem Fahrrad. Damit pendel ich fast täglich zur Arbeit. Gerne fahre ich auch bei den angebotenen ADFC-Touren mit. Dabei sehe ich jedes Mal etwas Neues. Das beeinflusst nicht nur meine Arbeit als Radverkehrsbeauftragte, sondern bereichert auch mein Leben.

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