Radfahren mit Handicap – ein Erfahrungsbericht

Verkehrspolitik

Es war am Morgen des 31. Mai 2019, der Tag nach Himmelfahrt. Ich war gerade mit dem Frühstück fertig und wollte mit dem Rad nach Süßen fahren und von dort weiter mit dem Zug nach Stuttgart zur Arbeit. Doch mit einem Mal war alles anders und die folgenden Stunden nehme ich nur noch teilweise bewusst wahr. Zum Glück fand mich meine Frau, auf der Seite liegend am Frühstückstisch und holte sogleich den Notarzt. Diagnose: Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung.

Unglaublich! Wie konnte das passieren? Ich war keinem der klassischen Risikofaktoren zuordenbar. Kein Übergewicht und kein Bluthochdruck, kein Bewegungsmangel. Rauchen und Alkohol sind auch kein Thema. 14 Tage vorher nahm ich noch am „Halbtraum“ teil - dem kleinen Bruder des „Albtraum 100“, einem Geländelauf über die Alb - aber trotzdem immerhin knapp 60 km lang. Und nun sitze ich also stattdessen im Rollstuhl.

Trotzdem war ich optimistisch. Ich dachte mir, dass ich in 4 Wochen wieder mehr oder weniger wiederhergestellt sei. Aus den 4 Wochen sind zwischenzeitlich 10 Monate geworden. Aber immerhin, seit 3 Wochen kann ich meine alltäglichen Strecken wieder mit einem Rad zurücklegen.

© ADFC Göppingen

Mit einem Dreirad, das mir der „Kreisverein Leben mit Behinderungen Göppingen“ zur Verfügung gestellt hat. Der ehrenamtliche Verein wurde 1972 von betroffenen Eltern gegründet. Ein Selbsthilfeverein, der aktiv und gemeinsam mit anderen das tägliche Leben von Betroffenen positiv gestalten will.

Als ich im März das Dreirad in der Süßener Begegnungsstätte des Vereins abholte, ahnte ich noch nichts von dem großen Potential, das so ein Rad für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben hat. Die eigene Mobilität erfährt eine großen Sprung nach vorne. Lagen vorher die selbstständig erreichbaren Ziele in einer fußläufigen Entfernung im Radius von ca. einer halben Stunde, so veränderten sich die Ziele in kurzer Zeit auf eine Distanz von ca. 5 km. Mit dem Dreirad kam wieder ein Stück Normalität zurück, das sich positiv auf die Motivation und Zuversicht beim Bewältigen meines Handicaps auswirkte. Die neuen Perspektiven und die neu gewonnene Freiheit können daher eine wirksame Maßnahme gegen Depression als Begleiterscheinung der Behinderung vieler Betroffener sein.

Meine eigenen Einschränkungen in der Fortbewegung sind seit dem Rollstuhl glücklicherweise deutlich zurück gegangen. Was ist aber, wenn nach einem Schlaganfall, bei Multipler Sklerose, Querschnittslähmung oder auch Parkinson die Kraft in den Beinen zu gering ist oder schlicht gar nicht vorhanden ist? Vielleicht bietet für diese Menschen ein sogenanntes Therapiebike eine nicht mehr für möglich gehaltene Perspektive auf ein selbstbestimmtes Vorwärtskommen. Ein Therapierad wird durch Arme und Beine angetrieben. Der Vorteil des kombinierten Antriebes ist, dass die Beinkraft mit den Armen verstärkt werden kann und dadurch viel mehr Patienten in der Lage sind zu fahren, als das mit dem klassischen Dreirad der Fall ist. Ein Gespräch mit Gert Wiedemann aus Eisingen - Gründer des Alb-Stores – machte mir das große Potential eines Therapiebikes für Betroffene bewusst. Der Alb-Store bietet auf das jeweilige Handicap angepasste, individuelle Lösungen an.

Ein Dreirad ist ein völlig anderes Fahrgefühl als man es vom klassischen zweirädrigen Fahrrad kennt. Daher ist es empfehlenswert vor dem ersten Ausflug mit der Familie oder mir Freunden zuerst ein paar „Trockenübungen“ zu machen. Der Wendekreis ist z.T. deutlich größer als bei einem herkömmlichen Fahrrad und gewöhnungsbedürftig ist auch das Fahrverhalten in Kurven. Aufgrund der beiden Hinterräder ist es nicht möglich, sich in die Kurve zu legen. So müssen Kurven sehr gemächlich gefahren werden, um beim Einlenken nicht umzukippen. Das begrenzt auch die Fahrgeschwindigkeit insgesamt, denn schnelles Ausweichen ist problematisch.

Gewöhnungsbedürftig sind nicht nur das Zurechtfinden im Umgang mit der eigenen Behinderung und das Fahren mit Drei- anstatt mit Zweirädern. Auch die Verkehrsinfrastruktur ist überhaupt nicht auf Spezialräder ausgerichtet. Das betrifft nicht nur Räder für Behinderte, sondern auch Tandems, Lastenräder, Liegeräder oder ähnliches.

Es beginnt mit der Breite der Radverkehrsinfrastruktur. Diese kann schnell zu eng werden bei entgegenkommenden Radfahrern und/oder Fußgängern. Bei einem mehrspurigen Fahrrad muss zudem immer die eigene Fahrzeugbreite im Auge behalten werden, damit man nicht an Bordsteinen oder anderen Hindernissen hängen bleibt.

Hindernisse im wahrsten Sinne des Wortes sind Umlaufsperren. Sind Radfahrende schon grundsätzlich durch Umlaufsperren gefährdet, kommt bei Dreirädern dazu, dass der Wendekreis wie erwähnt größer ist als beim Fahrrad. Wenn die sogenannten Drängelgitter nun zu eng stehen, dann wird ein gefahrloses Durchfahren noch schwieriger oder sogar unmöglich.

Auch das Abstellen eines Dreirades ist nicht ganz einfach. Schmale Gehwege sollten aufgrund des höheren Platzbedarfs sowieso tabu sein, um ein Ausweichen der Fußgänger auf die Fahrbahn zu verhindern. Die Anlehnbügel in Fahrradabstellanlagen sind i.d.R. zu nah beieinander, um ein mehrspuriges Fahrzeug abzustellen. Wünschenswert wäre, dass bei der Planung von Radabstellanlagen auch immer an die zunehmende Zahl an Spezialräder gedacht wird, zumal vor allem der Boom bei den Lastenrädern allgegenwärtig ist.

Soll ein Dreirad am Bahnhof nicht abgestellt, sondern mitgenommen werden, dann hat man im Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) ein Problem. Denn dreirädrige Fahrräder sind von der Mitnahme im Zug explizit ausgeschlossen. Gleichbehandlung von Menschen mit und ohne Behinderung sieht anders aus.

In vielerlei Hinsicht wird das Fahrrad derzeit als Hoffnungsträger angesehen. Weil es wenig Platz braucht, keine Schadstoffe ausstößt, kostengünstig für den Einzelnen und die Allgemeinheit ist und auch die Gesundheit fördert oder sogar schützt, wie sich jetzt gerade in der Corona-Krise zeigt. Eine wichtige aktuelle Änderung, damit das Verkehrsmittel Fahrrad auch die in es gesetzten Hoffnungen erfüllen kann, ist die Novellierung der Straßenverkehrsordnung (StVO).

Die Änderung hat auch für Mobilitätseingeschränkte positive Auswirkungen. Mit dem Zusatzzeichen „Lastenfahrrad“ können nun auch spezielle Ladezonen oder Parkflächen angeordnet werden. Auch dass das Anhalten von Kraftfahrzeugen auf Radschutzstreifen nun verboten wird, kommt körperlich eingeschränkten Personen sehr entgegen. Ein kurzfristiges Einfädeln in den fließenden Verkehr, wenn die Radspur blockiert ist, ist mit Handicap noch problematischer als unter normalen Umständen. Für alle Radfahrenden und besonders auch für solche mit Behinderungen enorm wichtig, ist der verpflichtende Überholabstand von 1,5 m beim Überholen durch Autofahrende.

Der ADFC hatte sich innerorts für Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit eingesetzt. Tempo 30 würde der Sicherheit aller schwächeren Verkehrsteilnehmern zu Gute kommen. Leider wurde dies bei der Novelle zur StVO noch nicht berücksichtigt. Bedauerlich ist auch, dass die Vision Zero (keine Toten und Schwerverletzten im Straßenverkehr) nicht als Ziel in der StVO verankert wurde. Damit bleibt ein fehlerverzeihendes Verkehrssystem weiter Zukunftsmusik.

Das wichtigste für die Sicherheit im Straßenverkehr ist eine gegenseitige Rücksichtnahme, besonders auf die schwächeren Verkehrsteilnehmer. Dazu war es eine positive aber auch überraschende Erfahrung beim Radeln mit Handicap auf dem Dreirad, dass ich eigentlich immer mit großem Abstand überholt wurde.

Dirk Messer (ADFC Göppingen) 

© Südwestrundfunk (SWR)

 

 

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