Google Bike erobert den Landkreis Göppingen

Verkehrspolitik Intern

ADFC-Mitglieder testen autonomes Radfahren – deutschlandweites Pilotprojekt bis 2021

Viola Metschies ist begeistert: Seit einer Woche liest die passionierte Radlerin geschäftliche e-mails schon während der Fahrt ins Büro. Auf den Verkehr muss sie nicht achten, das Fahrrad bringt sie trotzdem sicher an ihren Arbeitsplatz bei Wala in Bad Boll. Der Internetkonzern Google testet im Landkreis Göppingen das selbstfahrende „google bike“. Treten und Lenken auf dem Rad soll bald der Vergangenheit angehören.  Metschies und 19 weitere Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) sind die ersten Testkandidaten.

2013 wurde der Kreis Göppingen als erster fahrradfreundlicher Landkreis in Baden-Württemberg zertifiziert. Jetzt folgt die nächste Pionierrolle: Der Stauferkreis ist deutschlandweit die erste Region, in der autonome Fahrräder auf Straßen und Radwegen unterwegs sind. Das ist kein Zufall. Laut Google-Projektleiter Steve Miller bildet die Struktur des Landkreises ein „repräsentatives Spektrum“, das auf ganz Deutschland übertragbar ist: „Städtische und ländliche Strukturen wechseln sich auf kleinem Raum ab, und auch die Topographie bietet alles, was wir für Testzwecke brauchen“.

Die Zertifizierung zum fahrradfreundlichen Landkreis war ein weiterer Aspekt bei der Wahl der Testregion. In ganz Deutschland gibt es derzeit keine Region, in der das Radwegenetz engmaschiger bei google maps erfasst ist als im Kreis Göppingen. Ein wichtiger Aspekt für die Berechnung der  kürzesten Route, die bei Fahrrädern noch größere Bedeutung hat als bei Autos. Laut Miller fällt ein Umweg von 2 Kilometern bei Autofahrten kaum ins Gewicht: „Wenn wir aber ein Fahrrad auf Umwege schicken, kann das einen spürbaren Zeitverlust zur Folge haben.“

Zuverlässigkeit ist aber unverzichtbar für den Serienbetrieb. Insbesondere Berufspendler müssen sich auf die Ankunftszeit verlassen können. Nicht alle Arbeitnehmer haben Gleitzeit. Viele nutzen das Rad auch bis zum Bahnhof und fahren dann mit dem Zug weiter. „Auch wenn die Filstalbahn zur Zeit alles andere als zuverlässig ist“, so Miller ironisch, „mit dem autonomen Fahrrad muss der Pendler seine Ankunftszeit am Bahnhof trotzdem sicher planen können“.

Zuverlässigkeit ist auch für Eltern wichtig, die ihre Kinder zur Schule oder Kita schicken wollen. Wenn google bike in einigen Jahren in Serie geht, muss das Rad die Sprösslinge sicher und pünktlich ans Ziel bringen – ohne Begleitung von Mama oder Papa.

Am Testrad von Karin Maier ist ein Kindersitz befestigt. Darin sitzt ihr vierjähriger Sohn Felix.  Der Sattel vor ihm ist leer, das Rad bewegt sich wie von Geisterhand gesteuert zum Haier-Kindergarten in Faurndau. Aus Sicherheitsgründen fährt die Mutter mit einem Begleitrad nebenher. In der ersten Testphase dürfen Kinder nicht unbegleitet auf das autonome Rad gesetzt werden. Bisher gab es aber keine Zwischenfälle und Karin Maier freut sich schon jetzt auf Phase 2, die 2020 starten soll. Sie kann ihren Sohn dann ohne Begleitung auf die Reise schicken. Für die alleinerziehende Mutter bedeutet das einen enormen Gewinn an Flexibilität.

Auch der ADFC-Kreisvorsitzende Dirk Messer ist als google bike-Tester unterwegs. Die Begeisterung seiner Vereinsmitglieder Metschies und Maier teilt er aber nur eingeschränkt. Positiv bewertet er vor allem, dass sich die selbstfahrende Funktion jederzeit ausschalten lässt. Für Pendler und Eltern kann die neue Technik nach seiner Meinung ein Fortschritt sein. Bei Freizeittouren und auch im Alltag ist autonomes Radeln aus Messers Sicht hingegen kontraproduktiv.

Theoretisch kann zukünftig jeder sein Fahrrad zum Bäcker schicken. Bestellt wird telefonisch von zu Hause, der Verkäufer muss die Ware nur noch in den Einkaufskorb des unbemannten Zweirads legen

Das ist zwar laut Messer „immer noch besser, als wenn alle mit dem Auto zum Bäcker fahren“. Aber Radfahren hat auch einen Gesundheitsaspekt. Wer selbst in die Pedale tritt, tut seinem Körper Gutes. Auch die soziale Komponente spielt eine Rolle: Wer mit dem Rad unterwegs ist, kommt mit Menschen ins Gespräch. Wer sein Fahrrad zum Einkaufen schickt und währenddessen auf dem Sofa sitzt, tut sich deshalb aus Sicht des ADFC-Vorsitzenden keinen Gefallen.

Zumindest bis 2018 müssen sich die Testpersonen nicht vor Einsamkeit fürchten: In der ersten Phase müssen sie alle Fahrten selbst durchführen und notfalls auch lenkend oder bremsend eingreifen. Nur Treten ist nicht mehr erforderlich. Die Satellitensteuerung macht’s möglich.


Info

Seit 26. März sind 20 ADFC-Mitglieder mit autonomen Fahrrädern unterwegs. Jede Testperson wird in den nächsten 12 Monaten mindestens 4.000 Kilometer zurücklegen.

Ab 1. Juli 2019 wird das Pilotprojekt erweitert. Dafür werden 20 zusätzliche Personen gesucht. ADFC-Mitgliedschaft ist diesmal nicht erforderlich, die jährliche Kilometerleistung sollte mindestens dem Bundesdurchschnitt entsprechen (ca. 500 km).

Interessenten können sich ab sofort bewerben. Registriert werden die ersten 20 Personen, die alle Kriterien erfüllen. Der Wohnort muss im Kreis Göppingen liegen, das Mindestalter beträgt 18 Jahre.

Anmeldung bei goeppingen@adfc-bw.de


Thomas Gotthardt (ADFC Lautertal - Mittlere Fils)

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