Diskussion um Regelverstöße von Radfahrenden

Verkehrspolitik

Stellungsnahme des ADFC Göppingen zur Diskussion über Regelverstöße von Radfahrenden, ausgelöst durch den NWZ-Artikel „Radler besser überwachen“ vom 27.07.2018

Das Mobilitätsverhalten der Menschen ist im Umbruch und gleichzeitig steigt der Flächenverbrauch durch immer mehr und immer größere Kraftfahrzeuge enorm an. Das führt unweigerlich zu Konflikten zwischen den Verkehrsteilnehmern.

Die Eislinger CDU hat dies im Juli 2018 zum Anlass genommen, den Radfahrenden die Schuld für die allgegenwärtigen Sicherheitsprobleme im Straßenverkehr zuzuschieben. Die Meinung, dass die Radfahrenden für die „teils anarchischen Zustände“ verantwortlich sind, ist aus Autofahrersicht verständlich aber leider nicht zu Ende gedacht. Der ADFC Göppingen sieht sich als Vertreter der Radfahrerinnen und Radfahrer im Landkreis daher aufgefordert zu begründen, warum Radfahrende sich z.T. anders in Straßenverkehr verhalten als Autofahrende.

1. Rücksichtslosigkeit. Hierin unterscheiden sich Auto-, Radfahrer und Fußgänger nicht voneinander, da dies eine persönliche Charaktereigenschaft ist und keine Frage des Verkehrsmittels. Diese Eigenschaft hat aber zur Folge, dass bei regelwidrigem Verhalten der Schwächere unter dem Stärkeren leidet: der Radfahrer unter dem Autofahrer, der Fußgänger unter dem Radfahrer.

2. Infrastruktur. Jeder Verkehrsteilnehmer hat den Wunsch direkt, schnell und sicher zum Ziel zu kommen. Die Infrastruktur für Radfahrende ist aber leider in der Regel ein unzusammenhängendes, unlogisches und halbherziges Stückwerk. Die Führungsformen für den Radverkehr wechseln zwischen Radwegen, Radstreifen direkt an parkenden Autos mit der Gefahr sich öffnender Türen, frei gegebenen Gehwegen mit der Gefahr von Grundstückausfahrten, Wechsel der Straßenseite und weiten Strecken ohne jegliche erkennbare Führung. Radfahrer müssen sich mit Restflächen zufriedengeben, die der flächenhungrige Autoverkehr übriglässt. Zudem sind Radverbindungen sehr oft umwegig, schlecht oder gar nicht ausgeschildert oder sie entsprechen nicht dem Sicherheitsbedürfnis einzelner Personengruppen unter den Radfahrenden (Kinder, Gelegenheitsradler).

3. Damit sind wir schon beim dritten Grund, dem Radfahrertyp. Autofahrer und Fußgänger sind untereinander relativ homogen in ihren Grundbedürfnissen. Unter den Radfahrenden gibt es aber große Unterschiede: die 10-jährige Schülerin auf dem Kinderrad, den selbstbewussten Pendler auf längeren Distanzen mit dem Pedelec, die sportliche Radlerin auf dem Rennrad und den unsicheren älteren Gelegenheitsradler. Die Radverkehrsinfrastruktur ist aber für alle die gleiche. Die Schülerin sollte eigentlich auch auf dem Radsteifen einer stark befahrenen Hauptstraße fahren und der Pendler auf längeren Distanzen auch auf einem schmalen gemeinsamen Geh- und Radweg. Beide werden das aber oft nicht machen, weil sie sich unsicher fühlen oder so nie ans Ziel kommen – und verhalten sich damit regelwidrig.

4. Muskelkraft. Im Gegensatz zu Autofahrenden legen Radfahrer und Fußgänger ihre Wege mit eigener Muskelkraft zurück. Daher vermeiden die beiden letztgenannten Gruppen auch Umwege oder vermeintlich unnötige Zwischenstopps. Es fahren deshalb viele Radfahrende entgegen einer nicht freigegebenen Einbahnstraße anstelle eines Umweges von mehreren hundert Metern. Außerdem warten die wenigsten Fußgänger an einer roten Ampel, wenn kein Auto in Sicht ist.

Die genannten unterschiedlichen Radfahrertypen und der Einsatz der eigenen Muskelkraft beim Vorwärtskommen sollten einen direkten Einfluss auf die bereitgestellte Infrastruktur haben. Wenn man also möchte, dass definierte Regeln von Radfahrern und Fußgängern eingehalten werden, ist es enorm wichtig, dass die Infrastruktur sich am Bedürfnis der schwächeren Verkehrsteilnehmer ausrichtet und nicht umgekehrt. Radverkehrsinfrastruktur muss deshalb intuitiv und fehlerverzeihend ausgelegt sein. Es bringt daher nichts, nach dem Prinzip von „Law and Order“ ein sinnentleertes Einhalten von Regeln einzufordern, wenn die Rahmenbedingungen unzureichend sind.

Das in der aktuellen Diskussion zu Recht angeprangerte „Gehwegradeln“ ist ein deutliches Zeichen, dafür, dass Radfahrerinnen und Radfahrer sich auf der existierenden Infrastruktur nicht sicher fühlen.

Übrigens, es stimmt nicht, dass Radfahrende an einem Zebrastreifen absteigen und zu Fuß die Straße überqueren müssen. Radfahrer dürfen fahrend einen Zebrastreifen benutzen! Und zwar immer dann, wenn auch die angrenzenden Flächen mit dem Fahrrad befahren werden dürfen (z.B. Radwege). Es stimmt aber auch, dass Radfahrer hier keinen Vorrang haben. Wollen Radfahrer in den Genuss des Vorrangs von Fußgängern an Zebrastreifen kommen, müssen sie absteigen und schieben – dann sind sie rechtlich gesehen auch Fußgänger.

Es herrscht allgemein bei den Kritikern viel Unwissenheit in Sachen Radverkehr und Unwissenheit fördert Vorurteile und verhindert somit eine Verbesserung der Situation.

Der ADFC Göppingen befürwortet deshalb eine gemeinsame Radfahrt zu den kritischen Punkten in Eislingen, wie es der NWZ-Leser Martin Laichinger vorgeschlagen hat.

Dirk Messer (ADFC Göppingen)

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