09.11.2016 - Vollsperrung des Lautertals für Radfahrer

Verkehrspolitik

Süßen ist für Radfahrende seit einigen Tagen nicht mehr aus Richtung Donzdorf kommend zu erreichen! Legal gibt es nur noch die Möglichkeit, über die mit sehr starkem Autoverkehr belastete B466 zu radeln.

Die Situation ist das Ergebnis von zwei eigentlich sinnvollen Maßnahmen auf dem Donzdorfer Gemeindegebiet im Rahmen der aktuellen Bauarbeiten an der B466 zwischen Süßen und Donzdorf. Leider hat man dabei "wie üblich" nicht an die Radfahrerinnen und Radfahrer gedacht.

Es gibt zwischen beiden Orten zwei Radverbindungen, je eine südlich und nördlich der Bundesstraße. Aufgrund der genannten Bauarbeiten kann das Süßener Zentrum durch Linienbusse nicht mehr direkt angefahren werden. Daher werden die Busse über die südliche Radverbindung, die Baustelle umgehend nach Süßen geführt. Da der Weg schmal ist und die Busse breit sind, wurde der mögliche Busgegenverkehr durch eine Ampelschaltung geregelt. Diese Ampeln stehen leider auf Dauerrot, auch wenn kein Bus naht.

Eine rote Ampel heißt auch für Radfahrer: keine Durchfahrt. Da die Radfahrenden verständlicherweise nicht warten wollen bis sie irgendwann im Schlepptau des nächsten Busses weiterfahren können, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder das rote Signal wird ignoriert und die Fahrt fortgesetzt oder man radelt 1 bis 2 km zurück und wechselt auf die nördliche alternative Radverbindung, um so nach Donzdorf zu kommen.

Sollte letztere Möglichkeit gewählt werden, so gibt es aber seit wenigen Tagen ein weiteres Problem. Die genannte Baustelle hat einen deutlichen Schleichverkehr von Autofahrern über den als Radverbindung genutzten Feldweg nördlich der Lauter verursacht. Die Donzdorfer Stadtverwaltung hat deshalb reagiert und kurzerhand den Weg aus beiden Richtungen gesperrt – und zwar für alle, mittels Absperrgitter und Verkehrszeichen 250, also "Verbot für Fahrzeuge alle Art". Das Verbot gilt also auch für Radfahrende. Selbst Fußgänger konnten bis vor kurzem nur über die matschigen angrenzenden Felder passieren.

Auch hier haben Radfahrerinnen und Radfahrer also das Problem, dass sie ihr Ziel nur erreichen können, indem sie eine Ordnungswidrigkeit begehen.

Abgesehen davon gibt es natürlich auf beiden Fahrradverbindungen keine Umleitungsausschilderung. Vielleicht ist dies aber auch beabsichtigt, denn es gibt ja auch keine praktikable und legale Verbindung.

Man wirft Fahrradfahrern oft vor, sich an keine Verkehrsregeln zu halten und diffamiert sie als sogenannte "Kampfradler". Es stellt sich aber die Frage, wie soll sich der Glaube an die Sinnhaftigkeit von Verkehrsregeln für Radler im Bewusstsein festsetzen, wenn durch solche Maßnahmen wie in Donzdorf das Ganze zur Farce wird?

Weitere Beispiele dafür sind im Nichts endende Radwege, unlogische Wegeführungen, fehlende Ausschilderungen, nicht auf Fahrräder reagierende Kontaktschleifen an Ampeln, Radwegebenutzungspflicht für Radwege, die nicht praktikabel sind. Die Liste lässt sich endlos fortführen.

In einer Mitteilung an den ADFC hat sich die Donzdorfer Verwaltung zur geschilderten Problematik geäußert:

Nördliche Verbindung:
"Die nördliche Wegverbindung wurde von der Stadt Donzdorf für Fahrzeuge aller Art aus Verkehrssicherheitsgründen gesperrt. Dort haben "Falschfahrer" die Fahrbahn stark verdreckt, so dass eine Sperrung, auch für Radfahrer, notwendig ist. Wir können dort nicht guten Gewissens Radfahrer fahren lassen …"

"Stark verdreckt" also und dadurch eine Gefährdung der Verkehrssicherheit. Jeder der die Strecke regelmäßig befährt wird sich über diese Aussage wundern, denn der Weg ist aktuell in einem für die Jahreszeit üblichen Maß abschnittsweise verschmutzt. Dürfen die Radfahrer also zukünftig im Frühjahr und Herbst damit rechnen, dass die Feldwege ein paar Wochen für den Radverkehr gesperrt werden, bis irgendwann Regen den Schmutz weggewaschen hat? Man kann sich natürlich auch fragen, warum ein verdreckter Weg nicht einfach gesäubert werden kann?

Südliche Verbindung:
"Die südliche Verbindung ist für Radfahrer nicht gesperrt. Dort sind zwar Ampeln aufgestellt, diese sind allerdings nicht, wie Sie in Ihrem Bericht auf der Homepage des ADFC schreiben, auf Dauerrot. Vielmehr haben diese Ampeln ein Festprogramm. Dies bedeutet, dass dort Turnusmäßig (auch wenn kein Bus kommt) die Ampel auf Grün bzw. ohne Signal schaltet, so dass der Radfahrer fahren kann. Aufgrund der Länge der Strecke ist die Rotphase relativ lange, aber anders ist es nicht machbar."

Dazu muss erwähnt werden, dass für die Baustelle der Landkreis zuständig ist. Die Aussage wurde vom ADFC überprüft und kann bestätigt werden: die Rotphasen dauern 5 Minuten und werden jeweils von wenigen Sekunden Grünlicht unterbrochen. In der Praxis ist das mit Dauerrot gleichzusetzen, da die Wahrscheinlichkeit gering ist, bei Grün an der Ampel anzukommen. Kein Mensch wird in freier Feldlage wohl länger als 2 Minuten in der Annahme warten, dass die Ampel sowieso nicht auf Grün schaltet.

Es wird im genannten Schreiben aber auch eine "Lösung" des Problems aufgezeigt:
"Weiter gibt es noch eine 3. Radverbindung nach Süßen über die Katzensteige."

Stimmt, die gibt es. Allerdings dürfte diese Verbindung den wenigsten Menschen bekannt sein. Zudem müssen dabei wie es das Wort "Steige" vermuten lässt, einige Höhenmeter überwunden werden. Dazu kommt, dass der einsame Weg über die Felder Richtung Hürbelsbach in der Dunkelheit für Ortsunkundige kaum zu finden ist. Denn es gibt ja wie bereits erwähnt keinerlei Umleitungsausschilderung.

Eigentlich wäre die Lösung des Problems ganz einfach. Durch Anbringen des Zusatzschildes "Radfahrer frei" an den beiden Sperrungen nördlich und südlich der Bundesstraße könnten die Radfahrenden gefahrlos und legal die Fahrt fortsetzen.

Möglicherweise liefert das Antwortschreiben aus Donzdorf aber auch die Antwort auf die Frage, warum die Verbindungen trotzdem gesperrt sind:

"… Bei solch einer großen Baumaßnahme bleibt es nicht aus, dass auch der Radfahrer weitere Strecken in Kauf nehmen muss."

Autofahrer müssen seit einigen Wochen Umwege in Kauf nehmen, weil man ihnen eine komfortable Ortsumfahrung um Süßen herum gebaut hat und die Abschlussarbeiten noch nicht beendet sind. Da kann es wahrscheinlich nicht sein, dass Radfahrer gleichzeitig ohne Beeinträchtigungen zwischen Süßen und Donzdorf verkehren können.

Dirk Messer (ADFC Göppingen)

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