Land zertifiziert drei Städte als fahrradfreundlich

Verkehrspolitik Intern

Logo der Landesauszeichnung Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (GRÜNE) überreichte am 28. Oktober 2011 im Rahmen einer Feierstunde im Atrium des Verkehrsministeriums zum ersten Mal drei Städten die Landesauszeichnung "Fahrradfreundliche Kommune". Es handelt sich um die Städte Karlsruhe, Offenburg und Freiburg im Breisgau. "Baden-Württemberg wird mehr und mehr ein fahrradfreundliches Land. Wir haben Kommunen, die dabei besonders herausragen," freute sich Hermann. Er betonte in seinem Grußwort, Ziel des Landes sei es, Baden-Württemberg als Pionierregion für nachhaltige Mobilität und als fahrrad- und fußgängerfreundliches Land zu entwickeln. Der Radverkehr solle als Verkehrsmittel im Alltag, in der Freizeit und beim Tourismus aufgewertet und der Radverkehrsanteil auf 20 Prozent gesteigert werden. Dazu gelte es, ein fahrradfreundliches Mobilitätsklima zu schaffen und die Radverkehrsinfrastruktur dafür zu optimieren.

Landesauszeichung

Die Landesauszeichnung "Fahrradfreundliche Kommune" werde erstmalig vergeben; bewerben können sich nur Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg (AGFK-BW). Die drei Städte hatten sich schriftlich um die ausgelobte Auszeichnung beworben und dabei die kommunalpolitische Prioritätensetzung, ihre fahrradfreundliche Struktur, die Verknüpfung von Fahrrad und ÖPNV und ihren Service für den Radverkehr dargestellt. Einsendeschluss ist jeweils der 1. Dezember eines Jahres.
Eine Prüfkommission aus Mitgliedern des Landesbündnisses ProRad, in der sich verschiedene Vertreter von Einrichten und Verbänden wie dem ADFC zusammengeschlossen haben, hat die Angaben der Städte in den umfangreichen Fragebögen geprüft und ausgewertet. Im Sommer war die Prüfkommission zur Bereisung in den drei Städten unterwegs und hat die Radverkehrsthemen unter die Lupe genommen und die Situation vor Ort begutachtet. Minister Hermann betonte: "Um als fahrradfreundliche Kommune zertifiziert zu werden, genügt es nicht, einzelne Kriterien zu erfüllen. Vielmehr müssen die Bewerber ein zielgerichtetes Gesamtkonzept vorweisen können, das eine erfolgreiche und nachhaltige Radverkehrspolitik demonstriert. Das wird in den ausgezeichneten Städten eindrucksvoll belegt."

ADFC gratuliert Karlsruhe, Offenburg und Freiburg

Der ADFC Baden-Württemberg gratuliert den drei Städten herzlich zur Zertifizierung und wünscht sich, dass diese Auszeichnung für die Stadtverwaltungen und die Gemeinderäte ein Ansporn ist, sich in Zukunft noch stärker und engagierter um Verbesserungen für die Radfahrer und eine Erhöhung des Radverkehrsanteils zu kümmern. Die ADFC-Landesvorsitzende Dr. Gudrun Zühlke hofft, "dass die Auszeichnung eine Motivation auch für andere Städte ist, sich auf den Weg zu mehr Fahrradfreundlichkeit zu machen."

Zertifikat am Beispiel der Stadt Karlsruhe


In den drei ausgezeichneten Städten wird der Radverkehr schon seit mehreren Jahren systematisch gefördert. Das hat dazu geführt, dass sehr viele Menschen das Fahrrad benutzen. Die Prüfkommission hat das gewürdigt, den Preisträgern aber auch "Hausaufgaben" in Form von Empfehlungen mitgegeben:

Karlsruhe

Karlsruhe schafft neue Hauptradrouten. Dabei kommen vor allem moderne Radverkehrsanlagen wie Fahrradstreifen zum Einsatz. Etliche Kreuzungen wurden fahrradfreundlich umgestaltet, einige Fahrradstraßen stehen ebenfalls auf der Habenseite. Die Erste Bürgermeisterin der Stadt Karlsruhe, Margret Mergen, möchte den Radverkehrsanteil von derzeit 16 Prozent auf 23 Prozent im Jahre 2015 steigern. Zum Stadtjubiläum wolle Karlsruhe die fahrradfreundlichste Stadt im Land werden. Auf der Nordseite des Hauptbahnhofs habe die Stadt vor wenigen Tagen weitere 240 Fahrradständer aufgestellt. Jährlich sollen zwei Radrouten geplant und gebaut werden. Der Radverkehr werde darüber hinaus bei allen übrigen Neuplanungen, Umbaumaßnahmen und Straßensanierungen gleichberechtigt berücksichtigt. Margret Mergen wies auf die breite Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Fahrrad hin: So seien 2.500 rote "Draisler" genannte Fahrräder im Rahmen einer Erstwohnsitz-Kampagne des Stadtmarketings an Studenten verlost worden.  Als weiteres Beispiel nannte sie das Fahrradleihsystem "Call a Bike", das es seit Sommer 2007 in Karlsruhe gebe. Seit 2011 können die Räder mit einer Smartphone-App schneller aufgefunden werden. Per GPS-Ortung ist nun auch eine vereinfachte Abmeldung möglich; solarbetriebene Terminals bieten eine verbesserte Registrierungsmöglichkeit.

Margret Mergen, Erste Bürgermeisterin der Stadt Karlsruhe nimmt die Auszeichnung von Verkehrsminister Hermann entgegen. Foto: ADFC/E.Kimmich

Empfehlungen der Prüfkommission:

  • Schaffung einer erheblichen Anzahl von neuen Fahrradstellplätzen in der Innenstadt
  • Systematische Freigabe von Einbahnstraßen
  • Zusätzliche Serviceangebote in der Radstation am Bahnhof
  • Erstellung eines digitalen Radverkehrskatasters und eines Fahrradstadtplans
  • Weitere Umsetzung des Netzes von Haupt- und Nebenradrouten

Offenburg

Offenburg ist vor allem bei Servicethemen Vorreiter: So gibt es zahlreiche Infotafeln, einen Fahrradstadtplan, den Neubürger kostenlos bekommen können, und einem kostenlosen Fahrradverleih und ein "Scherbentelefon". Oberbürgermeisterin Edith Schreiner zeigte in ihrer Rede die Erfolgsfaktoren einer erfolgreichen Radverkehrsförderung auf: Neben dem klaren politischen Willen sind in Offenburg Radbeauftragte im Bereich der Verkehrsplanung aktiv, werden lokale Interessengruppen eingebunden. Die Finanzierung wird über ein ausreichendes Budget und Zuschüsse sichergestellt. Mit einer eigenen Marke (grüne Leitlinien) werde eine gute Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Schon mehrfach sei Offenburg in der Vergangenheit für seine Radfreundlichkeit ausgezeichnet worden. Das erste Fahrradförderprogramm habe ein Investitionsvolumen von 5 Millionen Euro innerhalb von zehn Jahren gehabt, mittlerweile sei das vierte Förderprogramm aufgelegt worden.

Die Offenburger Oberbürgermeisterin Edith Schreiner nimmt die Auszeichnung von Verkehrsminister Hermann entgegen. Foto: ADFC/E.Kimmich

Empfehlungen der Prüfkommission:

  • Anstrengungen bei der politischen Prioritätensetzung für den Radverkehr
  • Mutige Entscheidungen, die auch Maßnahmen zu Lasten des motorisierten Individualverkehrs zulassen
  • Modernisierung bestehender Radverkehrsanlagen
  • FGSV-konforme Beschilderung
  • Einrichtung von Fahrradstraßen


Freiburg im Breisgau

In Freiburg wird ebenfalls viel für die Radfahrer getan:  Bürgermeister Prof. Dr. Martin Haag berichtete, schon in der 1970er Jahren sei in Freiburg ein erster Radwegeplan aufgelegt worden. Heute gehe man auf einzelnen Hauptachsen von 10.000 Radfahrern pro Tag aus. Bis 2020 soll ein Radvorrangnetz geschaffen werden - mit separaten Radwegen, Radverkehrsanlagen an Hauptverkehrsstraßen und mit vorfahrtsberechtigten Fahrradstraßen. Ziel in Freiburg sei es, bis 2020 den Anteil des Radverkehrs auf deutlich über 30 Prozent zu steigern. Außerdem soll die Anzahl der Unfälle mit Radbeteiligung halbiert werden.
Aktuell seien einige Fahrradstraßen mit auffälliger Markierung eingerichtet worden. An wichtigen Knotenpunkten seien sogenannte Trixi-Spiegel angebracht worden, die Lkw-Fahrern eine bessere Sicht in den "toten Winkel" ermöglichen. Der Dreisamradweg ist nahezu kreuzungsfrei, an anderen Strecken wurden Radstreifen oder Schutzstreifen eingerichtet. Die Fahrradstation "mobile" beim Hauptbahnhof bietet umfassenden Service rund ums Rad. Man habe Bevorrechtigungen für den Fuß- und Radverkehr gegenüber dem motorisierten Verkehr eingerichtet, Fahrradweichen und längere Grünzeiten für Radfahrer an Kreuzungen.

Bürgermeister Prof. Dr. Martin Haag nimmt die Auszeichnung von Verkehrsminister Hermann entgegen. Foto: ADFC/E.Kimmich

Empfehlungen der Prüfkommission:

  • Stärkere Anstrengungen bei der politischen Prioritätensetzung für den Radverkehr (bessere Ausstattung mit Finanzmitteln und Personal)
  • Anpassung älterer Radverkehrsanlagen an heutige Standards
  • Konsequente Beseitigung von Gefahrenstellen
  • Anstrengungen zur weiteren Verbesserung der Verkehrssicherheit
  • Verbesserung der Datengrundlage zum Modal Split

Fahrradfreundliche Städte für fünf Jahre zertifiziert

Natürlich könne die Zertifizierung nicht bedeuten, jetzt an diesem Punkt stehen zu bleiben, unterstrich Minister Hermann. Vielmehr soll sie weitere Kommunen anregen, es ihnen gleich zu tun: "Wir brauchen Vorbilder und gute Ideen, an denen sich andere orientieren können. Dafür bietet die AGFK-BW ein optimales Netzwerk."
Die Zertifizierung ist zunächst für einen Zeitraum von fünf Jahren vergeben worden. Bei der Verleihung wurde den Städten auch jeweils eine Liste mit "Hausaufgaben" überreicht (s.o.). Wenn diese abgearbeitet sind kann die Stadt sich nach Ablauf der fünf Jahre erneut zertifizieren lassen. Karlsruhe hat bei den Themen Einbahnstraßen, Fahrradabstellmöglichkeiten und Service noch einiges aufzuholen. Offenburg setzte bei der Infrastruktur in der Vergangenheit vor allem auf Bordsteinradwege. Hier besteht noch ein erheblicher  Änderungsbedarf. Und in Freiburg ist die finanzielle und personelle Ausstattung zu gering, um die Radverkehrsförderung wirklich voranzubringen. Es genügt eben nicht, sich auf dem Erreichten auszuruhen. Etliche Radverkehrsanlagen entsprechen noch nicht dem Stand der Technik.

Besonderes "Schmankerl" war ein attraktiver Preis, den jede der drei Kommunen erhalten wird: einen Radfahrerzähler. Das Besondere dabei ist, dass die Fahrradzähler für jeden Radfahrer gut sichtbar sind und in einem Display die tages- und jahresaktuelle Anzahl der gezählten Radfahrer angezeigt wird. Minister Hermann betonte, die Anlagen seien nicht nur ein Instrument, das zusätzliche statistische Daten zum Radverkehr liefern könne. Vielmehr solle den Radfahrern gezeigt werden, dass jeder Radler zählt und dass sie als Verkehrsteilnehmer ernst genommen werden, so der Verkehrsminister. Installiert werden die Fahrradzähler im nächsten Jahr an ausgewählten Fahrradrouten der drei Städte.

Die drei Preisträger mit Verkehrsminister Hermann vor der Radfahrer-Zählstelle. Foto: ADFC/E.Kimmich

Plus- und Minuspunkte zusammengetragen

 Der ADFC schaute sich die drei Städte - und andere Mitgliedskommunen der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg (AGFK-BW) - im Vorfeld auf Fahrradfreundlichkeit an. Der Rad-Club erstellte daraufhin Broschüren, in denen die wichtigsten Plus- und Minuspunkte zusammengestellt sind. Diese kann man sich per Post zusenden lassen oder im Internet herunterladen.

Hintergrundinformation:
Die Landesauszeichnung als „Fahrradfreundliche Stadt“, „Fahrradfreundlicher Landkreis“ und „Fahrradfreundliche Gemeinde“ in Baden-Württemberg wurde vom Landesbündnis ProRad initiiert. Das Landesbündnis Pro Rad wurde 2009 gegründet. Ihm gehören die Landtagsfraktionen, Ministerien, die kommunalen Landesverbände, die Arbeitsgemeinschaft der Regionalverbände, maßgebliche Interessenverbände, Vertreter von ÖPNV-Unternehmen, der Wissenschaft und die AOK Baden-Württemberg an. Die Landesauszeichnung wird einmal im Jahr vom Ministerium für Verkehr und Infrastruktur verliehen. Die Auszeichnung ist an verschiedene Kriterien geknüpft, deren Erfüllung durch eine Prüfkommission des Landesbündnisses ProRad in den Anträgen geprüft und vor Ort begutachtet wird. Die Themenbereiche des Fragebogens sind: „Politische Prioritätensetzung für die Radverkehrsförderung“; „Fahrradfreundliche Infrastruktur schaffen“; „Verknüpfung Fahrrad und ÖPNV (Umweltverbund)“; „Fahrradfreundliches Klima fördern“ sowie „Service für den Radverkehr bzw. Fahrradtourismus“. Voraussetzung für eine Bewerbung der Städte, Landkreise und Gemeinden ist die Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen Baden-Württemberg (AGFK-BW).

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