Ziemlich mitgenommen

Eine todernst gemeinte Anleitung für Radfahrer in der Bodenseegürtelbahn

Vorab: Vor allem cool bleiben und die Radlerhosen stramm ziehen, es kann eng werden.
Bei der Ankunft auf dem völlig von Bahnpersonal befreiten, friedlichen Bahnhof herrscht High-Noon-Stimmung: Unter der gnadenlos brennenden Sonne stehen ermüdete, schweigende Radler mit der Hand am Fahrrad. Sonst sind keine Lebenszeichen zu entdecken.
Jetzt gilt es, den Drahtesel im harten Kampf um die Einstiegsplätze optimal zu platzieren. Für Feindberührungen empfiehlt sich das Radmodell Bull Leopard II aus Titanstahl. Die Frage nach Fahrkarten wird mit einer müden Kopfbewegung in Richtung eines Metallschrankes, der den Charme eines Müllcontainers hat, beantwortet. Das Generieren der Fahrkarte erfordert langjährige Erfahrung, Pisa-Betroffene werden auf die Hotline verwiesen.
Plötzlich gerät Bewegung in die Truppe: Da, ein feindliches Tandem versucht sich noch schnell einzureihen und vor allem nähert sich aus der Ferne die Gürtelbahn, heute mit nur 5 Minuten Verspätung. Im Führerstand sitzt der weit und breit einzige erkennbare Bahnmitarbeiter. Er bringt den Zug quietschend zum Stehen und schaut desinteressiert in das Radlerchaos, mit der sich anbahnenden Schlacht um die Plätze will er nichts zu tun haben.
Der Niederflurwagen mit breiten Türen bringt Vorteile: Denn der ebenerdige, gleichzeitige Einstieg ermöglicht bei richtigem Einsatz des Rades als Puffer einen Vorzugsplatz, obwohl das Abteil schon mit früher eingestiegenen Rädern gesättigt ist und die Klappsitze von wegschauenden oder telefonierenden Jungbürgern besetzt sind. Der Klassiker mit Hocheinstieg hingegen erfordert eine Gewichtheberausbildung, im Wagen bedeutet die kleinste Bewegung Verletzungsgefahr, ein Dante’sches Chaos lässt Räder und Menschen unbeweglich verharren.
Jetzt sind alle im Zug, der gemütliche Teil der Bahnreise könnte beginnen, wenn es nicht so heiß wäre.
Mit einem ohrenbetäubenden Lärm fällt plötzlich das hochkant gestapelte Tandem auf eine friedlich gestaute Gruppe von Fahrrädern, ängstliche Blicke auf das eigene heiligs Blechle stören die Erholungsphase.
Der Zug rollt, ein Blick nach draußen erfasst eine flott vorbeiradelnde Gruppe. Das sind die Glücklichen, die keinen Platz mehr in der Gürtelbahn erhalten haben.
Die Gürtelbahn stört das nicht: Sie spuckt die ungeliebte Radlertruppe an der Zielhaltestelle wieder aus und denkt: Hoffentlich kommen diese Störenfriede nicht so schnell wieder. Quatsch, sie denkt gar nichts: Außer dem Menschen im Führerstand ist ja kein einziger Bahnmitarbeiter in der Nähe.

(Jörg Ockert)

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