Fähre-Erlebnisse

Mit dem Rad auf der Fähre von Meersburg nach Konstanz

Locker kommt der Urlaubsradler am Fährehafen Meersburg an. Nach der Labyrinthfahrt durch die Heerscharen von Fußgängern öffnet sich die Fährezufahrt: Eine erkennbare Fahrradspur gibt es leider nicht, deswegen schließt er sich mutig einem Insider an, der in hohem Tempo eine freie Autozufahrtsspur zur Fähre hinunter bolzt. Eine breite Zufahrtsrampe tut sich auf. Wohlgefühl erfasst seinen Körper, der blaue See, die Segelschiffe und die schreienden Möwen bezaubern ihn.
Doch plötzlich schnarrt die zackige  Kommandostimme eines Fähresoldaten irgendwoher aus der Traumlandschaft: „Fahrräder nach links“. Vor Schreck zieht der Urlauber nach rechts. Der gestresste Fähresoldat ruft dem Orientierungslosen mit 120 dB Lautstärke „Haaalloo, links“ nach. Tatsächlich: Vorne sieht er eine Anhäufung von bunt gekleideten Radlern. Sein Ziel.
Hier vorne versucht jeder sein Gefährt optimal abzustellen. Bei 30 Rädern, auf engstem, eigentlich gar keinem Raum und ohne jede Markierung nicht einfach: Aufbocken oder anlehnen? Er entschließt sich für anlehnen - das bringt ihm den vernichtenden Blick des Nachbarn, der das Zerkratzen seines Heiligsblechles befürchtet. Er bückt sich, um den Schaden zu begutachten, und seine Nase wird just mit den Auspuffgasen einer 1200er Motoguzzi belohnt, die sich zwischen die Velos gepresst hat. Zweirad ist Zweirad, allerdings bringt die Guzzi dem Fähremonopolisten mehr Umsatz.
Das Aufstellchaos ist beendet, die Insider verlassen ihre Räder und steigen aufs Aussichtsdeck. Die Einmalfahrer bleiben ängstlich stehen: Das sieht hier ja aus wie in Freiburg am Hauptbahnhof, da kann man doch nichts allein lassen...
Auf dem Oberdeck wird kassiert, ein vertragsrechtlicher Streit zwischen einem Radler mit Faltrad und dem Fähreinkassobevollmächtigten lässt die Umstehenden die Ohren spitzen: Ist das ein Fahrrad oder nicht? Neben ihm steht ein würdiger Herr mit ausdruckslosem Gesicht: Der denkt gar nichts, das ist sicher ein Politiker auf dem Weg zu einer mobilitätspolitischen Tagung.
Das Ziel Staad ist erreicht, ein bunter Haufen steht am Fähreausgang in den Startlöchern. Der Schlagbaum geht hoch, alle haben‘s eilig, die Guzzi dreht auf 4000 U/min hoch und hat den schnellsten Start. Erleichtert starten die Radler durch, freuen sich, dass sie (noch) auf die Fähre durften. Die Möwen drehen kreischend ab: Da ist nichts mehr zu holen.

(Jörg Ockert)

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