Friedrichshafen

Neustart nach 10 Jahren

Ein beinahe unbemerkter Skandal im Rathaus

2013 startete das Planungsbüro brenner BERNARD mit den Untersuchungen zum städtischen Verkehrsentwicklungsplan (VEP). Ursprünglich waren der Schlussbericht für Ende 2014 und die Beschlussfassung für März 2015 vorgesehen. Der Schlussbericht lag aber erst Ende 2018 vor und wurde 2020 in den Gemeinderat eingebracht; allerdings nicht um ihn zu beschließen, sondern um den VEP zu vertagen!

Die Verwaltung schlug dem Gemeinderat vor, „nach Inbetriebnahme der B 31 neu sowie einem anschließenden Gewöhnungszeitraum von ca. einem Jahr durch neue Verkehrserhebungen eine dann aktuelle Datengrundlage zu schaffen.“ Nach Meinung der Stadtverwaltung sollte die B 31 neu ohne flankierende Maßnahmen zur Verkehrslenkung eröffnet werden. Es sollte erst beobachtet werden, wie sich der Verkehr an die B 31 neu „gewöhnt“.

Der ADFC hält dies für eine verfehlte Verkehrspolitik, denn eine Verlagerung des Kfz-Verkehrs auf der B 31, der in Friedrichshafen mehrheitlich aus Ziel- und Quellverkehr besteht, auf die Umgehung erreicht man nicht mit Abwarten, sondern mit Handeln.

Der Gemeinderat beschloss am 28.09.2020 zum weiteren Vorgehen beim VEP: „Eine abschließende Beschlussfassung wird bis zum 2. Halbjahr 2022 zurückgestellt, um nach Inbetriebnahme der B 31 neu sofort verkehrslenkende Maßnahmen, insbesondere auf dem Abschnitt Albrechtstraße bis zum Colsman-Knoten, zu Gunsten des Umweltverbundes zu ergreifen und nach ca. einem Jahr nach Inbetriebnahme durch neue Verkehrserhebungen eine dann aktuelle Datengrundlage zu schaffen. Mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen sowie dann auch noch zusätzlich einzubringenden neuen Forderungen (hinsichtlich Klimaschutzzielen etc.) soll dann der VEP zum Beschluss gebracht werden.“ Dies bedeutet, dass 2022, also 10 Jahre nach dem Start des VEP, die umfangreichen Haushaltsbefragungen, Verkehrszählungen, Rechensimulationen und Prognosen neu durchgeführt werden müssen!

Abgesehen vom wirtschaftlichen Schaden für den Steuerzahler ist es für die Verkehrsplanung ein Desaster, dass in einer Zeit des größten Umbruchs im Straßenverkehr in Friedrichshafen 10 Jahre verloren wurden. In der Privatwirtschaft müssten die Verantwortlichen für ein derartiges Versagen den Hut nehmen. 

Bernhard Glatthaar (2021)

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