Qualitätsoffensive Bodensee-Radweg

Bereits 2014 hatte der ADFC den Bodensee-Radweg zwischen Sipplingen und Kressbronn unter die Lupe genommen und eine Dokumentation veröffentlicht. Im Juni 2019 verglichen wir 54 Stellen und Streckenabschnitte mit der Situation im Jahr 2014 und erstellten eine Bestandsanalyse der vergangenen fünf Jahre. Was wurde seither verbessert, was ist unverändert verbesserungswürdig?

Die aktuelle Bestandsanalyse zeigt leider viele Mängel der Wegeinfrastruktur am Bodensee-Radweg, welche nicht immer durch klassische Hemmnisse wie Engpässe kommunaler Finanzen oder schwierige Grundbesitzverhältnisse erklärt werden können. Stetige und wirksame Verbesserungen der Rad-Infrastruktur, wie sie in der Schweiz oder in Vorarlberg beobachtet werden können, sind im Bodenseekreis kaum zu erkennen.

Der ADFC möchte mit der aktuellen Bestandsanalyse die verschiedenen Akteure in Politik und Verwaltung unterstützen, die Problematik am Bodensee-Radweg besser einzuschätzen und Lösungen zu finden.

Der Bodensee-Radweg verläuft auf unterschiedlichsten Wegen: Es wechseln sich Radwege an klassifizierten Straßen, unbefestigte Wege in Naturschutzgebieten, Siedlungsstraßen mit Tempo 30 und freigegebene Fußgängerzonen ab. Die Strecke enthält einige problematische Abschnitte, welche nur mit erheblichem Aufwand verbessert werden können, zum Beispiel die Ortsdurchfahrt in Sipplingen oder die Querung der Fähre-Zufahrt in Meersburg. Bahnanlagen oder topografische Engstellen sind weitere Problemlagen, welche schwierig zu lösen sind, aber abschnittsweise verbessert werden könnten, indem Teil-Lösungen realisiert werden.

So wäre in Sipplingen am östlichen Abschnitt eine bessere Einleitung in den Mischverkehr umsetzbar oder in Meersburg kurzfristig die Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht an der Fähre-Bushaltestelle anzuordnen.
Ein bedeutendes Beispiel für fehlende Fortschritte und leider auch Rückschritte ist die L 201 zwischen Meersburg und Unteruhldingen, wo wieder ganzjährig Tempo 100 eingeführt wurde und statt dringend notwendiger Rad-Querungsmöglichkeiten an der Straße Kfz-Stellplätze saniert wurden.

Der ADFC hatte 2007 zusammen mit den Naturschutzverbänden in einer Petition auf das Risiko des damaligen Wegeausbaus an der L 201 in Meersburg hingewiesen und einen schonenderen Radwegbau zum Schutz des sensiblen Seehags gefordert. Dieser Vorschlag der Petition wurde damals nicht angenommen, mittlerweile sind am Seehag einige große Bäume bereits stark geschwächt oder sogar schon abgestorben.
Es sind am Bodensee-Radweg weiterhin viele Mängel vorhanden, die mit geringem Aufwand kurzfristig behoben werden könnten: Belagsausbesserungen, Bordstein-Absenkungen, Entfernung von Absperrpfosten oder Korrekturen von Beschilderungen. In den letzten fünf Jahren hat sich die Situation auch bei solchen „Bagatellen“ kaum verbessert.

Durchgehend negativ fällt die Beurteilung des Bodensee-Radweges in Friedrichshafen aus. In der gesamten Ortsdurchfahrt wurden seit 2014 weder die großen noch kleinen baulichen Mängel beseitigt. Die langjährige Weigerung der Häfler Verkehrsbehörde, weitere Fahrradstraßen einzurichten, hat zur Stagnation in Friedrichshafen beigetragen, während die Verkehrsbehörde des Landkreises 2019 in Hagnau eine Fahrradstraße ermöglichte.
Die Freigabe der B 31 neu in Friedrichshafen Ende 2020 wird die Ortsdurchfahrt vom Kfz-Verkehr entlasten. Der Bodensee-Radweg wird aber noch viele Jahre auf der alten Route durch Fischbach mit einem erheblichen Sanierungsstau verlaufen. Bereits 2019 kam es an der B 31 neu westlich von Fischbach zu einer inakzeptablen Führung über den neuen großen Anschlussknoten und fragwürdigen Sperrungen des Radweges.

Spürbare Verbesserungen sind am Bodensee-Radweg nur an wenigen Stellen vorzufinden. Langenargen war mit seinen „Willkommensinseln“ am nördlichen Bodenseeufer Vorreiter. Der Landkreis hingegen konnte auch 2019 keine radtouristische Informationstafel umsetzen. Diese Umsetzungsgeschwindigkeit ist der Bedeutung des Bodensee-Radweges nicht angemessen.

In Immenstaad wurde die westliche Ortsdurchfahrt beispielhaft umgebaut, während der östliche Abschnitt noch eine irreguläre Verkehrsführung mit seltsamen Radstreifen aufweist. Aus Sicht der Rad fahrenden Gäste ist diese Unterschiedlichkeit der vorhandenen Wegeinfrastruktur nicht nachvollziehbar.

Die meisten positiven Veränderungen waren bei der Fahrrad-Wegweisung zu verzeichnen, was der Überarbeitung der Beschilderung im Zuge des Radverkehrsnetzes Baden-Württemberg (RadNETZ) zu verdanken ist.
Die RadNETZ-Wegweiser haben an vielen Stellen zu Verbesserungen geführt, insbesondere durch den Ersatz der oft schwer lesbaren Pfeilwegwegweiser (Ausrichtung in Fahrtrichtung) durch Tabellenwegweiser (Ausrichtung 90° zur Fahrtrichtung). Leider wurden dabei notwendige Standortänderungen von Schildern oder Routenkorrekturen nur selten umgesetzt.

Die ADFC-Bestandsanalyse 2019 des Bodensee-Radweges konnte erreichen, dass das Thema wieder verstärkt ins Blickfeld der zuständigen Behörden kam. Abzuwarten ist, ob auch die verantwortlichen Organisationen und Behörden die Dringlichkeit erkennen, die Behebung der Mängel am Bodensee-Radweg endlich in Angriff zu nehmen.

Die Bestandsanalyse zum Download

(Bernhard Glatthaar, 2020)

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