Vermeintlich sicher: Gehweg+Radfahrer frei

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Im gesamten Kreis des ADFC Baden-Baden sind Wege mit den Zeichen “Gehweg – Radfahren erlaubt” ausgeschildert. Was bedeutet das? Und trägt es zur Sicherheit der Radfahrenden bei?

Fakt: Ist an Verkehrsschildern ein Zusatzschild „Radfahrer frei“ angebracht, bedeutet dies, dass Radfahrer die Straße bzw. den Teil der Straße, auf den sich das durch das Zusatzzeichen erweiterte Verkehrsschild bezieht (z. B. Gehweg), ebenfalls benutzen dürfen.
Viele Radelnde nutzen diese Strecken, da sie sich dort sicherer fühlen. Doch sind sie wirklich sicher? Müssen diese Strecken überhaupt benutzt werden?

Keine Benutzungspflicht für Radfahrer

Die Rechtslage ist eindeutig: Solche Wege müssen selbstverständlich nicht benutzt werden. Sie sind keine Radwege (erst recht keine Radwege mit Benutzungspflicht), sondern Gehwege.

Das Zusatzzeichen 1022-10 „Radverkehr frei” erlaubt es Radfahrern Straßen und Wege zu befahren, die ansonsten für den Radverkehr gesperrt wären (Benutzungsrecht).

„Ist durch Zusatzzeichen die Benutzung eines Gehweges für eine andere Verkehrsart erlaubt, muss diese auf den Fußgängerverkehr Rücksicht nehmen. Der Fußgängerverkehr darf weder gefährdet noch behindert werden. Wenn nötig, muss der Fahrverkehr warten; er darf nur mit Schrittgeschwindigkeit fahren“, sagt § 41 StVO, Vorschriftzeichen.

Wichtig für Radfahrende: Weil es ein Gehweg ist, haben Fußgänger absoluten Vorrang vor dem Radverkehr. Das bedeutet:

  • Radfahrer dürfen nur mit Schrittgeschwindigkeit fahren.
  • Auf Fußgänger ist besondere Rücksicht zu nehmen.
  • Bei Bedarf ist anzuhalten.

Inflationärer Gebrauch der Schilder

Mit einem zur Benutzung auch durch Radfahrer freigegebenen Gehweg erweisen die Behörden insbesondere schwachen Menschen einen Bärendienst. Denn es sind gerade ältere und weniger routinierte Radfahrende, die dann an der nächsten Kreuzung oder Einmündung mit Risiko fahren. Autofahrer haben die Fahrbahn im Blick, aber nicht die Zweiräder auf Gehwegen.
Das musste im Sommer 2020 eine Radfahrerin in Haueneberstein leidvoll erfahren. Sie fühlte sich auf dem für Fahrräder freigegebenen Gehweg der Bertha-Benz-Straße sicherer als auf der Straße. Doch der Geh-/Radweg hat im Gegensatz zur Straße an Kreuzungen keine Vorfahrt. Das beachtete sie nicht. Ein entgegenkommender links abbiegender Autofahrer übersah sie. Es kam zur Kollision und einigen Verletzungen. Der parallel verlaufende Gehweg ist verlockend und zulässig, aber trügerisch.


Folgen schlechter Infrastruktur für Radfahrende

Solch ein Unfall hinterlässt Spuren. Die Verletzte sagt: „Seit ich wieder Fahrrad fahren kann, umfahre ich entweder gänzlich diese Kreuzung, die auf meinem Arbeitsweg liegt oder ich fahre auf der Vorfahrtstraße neben Autos. Meinen Kindern empfehle ich das jedoch nicht. Sie sollen den von der Straße abgetrennten Fußgängerweg benutzen und die Kreuzung erst überqueren, wenn kein Auto zu sehen ist.“

„Die Benutzung von Gehwegen ist ein Angebot für weniger routinierte Radfahrende, die sich nicht auf der Straße fahren trauen. Aber sie sollten sich bewusst sein, dass sie nur Schrittgeschwindigkeit fahren dürfen und an Kreuzungen, Einmündungen sowie an Ein- und Ausfahrten zu Grundstücken erhöhten Gefahren ausgesetzt sind.“
Ralph Neininger, Kreisvorsitzender des ADFC Baden-Baden

Kreuzungen werden häufig mit vielen Schildern vermeintlich sicherer gemacht. Allein an dieser Kreuzung zählte der ADFC zehn Verkehrszeichen. Doch der inflationäre Gebrauch von Verkehrsschildern verdeckt lediglich eine schlechte Infrastruktur für Radfahrende. Das Fahren von Radfahrern auf Gehwegen ist weder im Interesse der Fußgänger noch der Radfahrer. Falls wirklich ein Sonderweg für Radverkehr erforderlich ist, weil die Benutzung der Fahrbahn unzumutbar erscheint, dann sollte dieser Weg vernünftig breit und an Kreuzungen und Einmündungen sicher geführt sein.

Selbstbewusst fahren

Wir empfehlen, “Gehweg – Radfahrer frei” ausgeschilderte Wege in der Regel nicht mit dem Rad zu befahren. Insbesondere dann, wenn die Fahrbahn problemlos mit dem Rad zu benutzen ist.

Auf der Fahrbahn werden Radfahrende von Autofahrern besser gesehen und haben ein geringeres Unfallrisiko an Kreuzungen, Einmündungen und Grundstücksausfahrten. Sie können Kreuzungen und Einmündungen ganz genau so befahren wie Autos. Das ist am sichersten, weil sie dann seltener übersehen werden.

„Viel zu viel Infrastruktur ist nicht radgerecht ausgebaut
und dann wird mit einer Beschilderung billig
ein Pseudo-Radweg gebastelt.“

Klaus Mutterer, ADFC-Radtourenleiter

Wäre die Frau auf der Straße gefahren, hätte sie Vorfahrt gehabt und wäre zudem besser zu erkennen gewesen. Aber: Grenzwertig wird es natürlich auf stärker befahrenen Straßen, wo ein ordentlicher Radweg fehlt und es lediglich die „Notlösung” mit dem freigegebenen Gehweg gibt.


Zehn Schilder an einer Kreuzung erhöhen nicht die Sicherheit für Radfahrende

Wer die Fahrbahn ordnungsgemäß mit dem Fahrrad benutzt (§ 2 Abs. 4 S. 1 StVO) wird von vielen Autofahrern als Störenfried empfunden und mehr oder weniger übel behandelt. Vom Anhupen über Anpöbeln bis Abdrängen ist alles möglich. Kein Wunder, dass sich unsicher fühlende Radfahrer wenig Lust haben, in solchen Straßen auf der Fahrbahn zu fahren: der Stressfaktor ist zu hoch.

Hier hilft, sein eigenes Selbstwertgefühl zu überdenken. Denn ein Autofahrer, der hupt, signalisiert: „Ich hab dich gesehen, ich fahre dich nicht um“. Das ist ein sehr freundlicher Hinweis. Dafür sind wir dankbar. Souveräne Radfahrende hören dann auf zu pedalieren, warten drei Sekunden, drehen sich gemütlich zum Auto um und winken ihm erfreut fröhlich zu. Drehen sich wieder nach vorne um, warten noch einmal einen kurzen Moment und treten erst danach weiter in die Pedale. Denn das Wesen im Auto scheint ein Problem zu haben, doch nicht die Radfahrenden. Wir auf dem Rad sind genauso Verkehrsteilnehmer, wie die in den lärmenden und stinkenden Blechkisten auch. Und wenn man es ökologisch betrachtet, vielleicht sogar die besseren.

Das Fahren auf dem Gehweg ist problematisch. Es ist vermeintlich sicher, aber schlichtweg gefährlich. Die meisten Fahrrad-Unfälle ereignen sich auf (Rad-)Wegen im Ort. Dabei liegen die schmalen, schlecht ausgebauten gemeinsamen Geh-/Radwege in der Statistik ganz vorne. Das muss sich ändern.

Weitere Infos:
stvo2go.de/radfahrer-frei/


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