Von der Costa Smeralda in das Land der Barbaren

Auf einer ADFC- Fahrradreise Sardinien entdecken

Von Günter Zimmermann

Glashütten - Anstrengend, auch ohne nur einen Meter auf dem Fahrrad-Computer, begann das Abenteuer Sardinien am 19. September 2010 für mich als Teilnehmer der ADFC-Tour aus dem Taunus, nördlich von Frankfurt. Erst mit dem eigenen Auto nach Stuttgart, dann von dort per Bus in einer Nachtfahrt nach Livorno und weiter mit einer Fähre etwa 8 Stunden nach Olbia, dem Hafen an der nordöstlichen Küste von Sardinien.

Bedeutsame Zeugnisse der wechselvollen Geschichte  der Stadt wie der ganzen Insel begleiten schon den Weg zum außerhalbder Stadt gelegenen Hotel. Die romanische Basilika San Simplicio auf den Fundamenten einer byzantinischen Kirche aus dem 5. Jahrhundert nach Christus. San Simplicio ist das größte architektonische Kleinod der Region. Nicht weit davon entfernt, die Reste des ehemaligen, sieben Kilometer langen  Aquädukts,  der das römische Olbia mit dem Wasser  der Quellen von Cabu Abbas versorgte.

Dann ging es mit 20 Mitfahrern (Frauen und Männer) und zwei Tourenleitern       (der dritte Guide besorgte den Gepäcktransport) in wohl eines der schönsten Reisegebiete Sardiniens, die Region Gallura. Der gesamte nord-östliche Teil der Insel ist ein einziges Naturschauspiel mit weiten und kleinen Stränden am türkisfarbenem Meer, immergrünen Korkeichenwäldern, Gebirgszügen und mit von Wind und Sand fantastisch geformten Felsformationen aus Granit. Doch eine Fahrt durch diese grandiose Landschaft  ist nichts für ungeübte Radler. Gegen diese Anforderungen waren und sind  meine Touren durch den Taunus und auf den (hessischen) Feldberg doch leichtere Übungen. Ohne Training würde ich niemandem empfehlen, sich auf dieses  Sardinien- Abenteuer einzulassen.
Bei der Fahrt gen Norden, entlang der Küste, wird verständlich, warum Karim Aga Kahn Mitte der 1960er Jahre diesen Küstenabschnitt  für die „Schönen und Reichen“ und was sich sonst noch so im Jetset tummelt, für ein Urlaubs-Paradies entwickelte: Die Costa Smeralda, die Smaragdküste. Zentrum dieses Zieles für exklusive Gäste ist Porto Cervo, erst 1962 im Baustil alter sardischer Tradition mit modernen Elementen mit etlichen 4 und 5-Sterne Hotels entstanden. Und den Nobelkarossen auf den Straßen entsprechen die zahlreichen Luxusyachten im Hafen
Zu einem Wahrzeichen der Costa Smeralda wurde die 1968 in neosardischem Stil von einer Stiftung der Industriellenfamilie Stinnes erbaute Kirche Stella Maris, hoch über Porto Cervo .

Nach ständigen Berg- und Talfahrten bei Sonnenschein und Wind in Sturmstärke ist das Tagesziel Palau nach 80 Kilometern und 904 Höhenmetern erreicht. Absolutes Highlight:  Ein Rad-Tag auf den Felseninseln La Maddalena und Caprera mit zauberhaften Stränden und Buchten. Caprera gehörte dem italienischen Nationalhelden Guiseppe Garibaldi, der dort auch seinen Lebensabend verbrachte, dort starb und dort begraben wurde. Doch das Museum in seinem ehemaligen Wohnhaus - geschlossen, es war Montag.

Wenn man die Küsten verlässt und durch das Innere der Insel fährt, entdeckt man ein anderes Land. Einsame Landschaften, im Spätherbst verdorrtes Weideland, immergrüne Kork- und Steineichenwälder, verlassene Gehöfte. So auf dem Weg von Palau etwa 70 km nach Tempio Pausania. Doch zuvor noch einmal hoch in die Berge nach Aggius, wo in einem kleinen „Museum der Banditen“ die Geschichte des Kampfes der Hirten und Bauern  gegen Grundeigentümer und Ausbeutung auf der Insel einfühlsam aufgezeigt wird.
Das 13.000 Einwohner zählende Städtchen Tempio Pausania überrascht mit einem historischen Ortskern mit unverputzten Granithäusern, Korkeichen und einer überwältigenden Landschaft. Die kleine und idyllische Hauptstadt der Gallura liegt auf einem Hochplateau zu Füßen des Monte Limbara.

Ozieri-Kultur und Nuraghen-Kultur

Auf dem Weg nach Thiesi bietet am folgenden Tag  der 1369 hohe Hausberg der Stadt vom Passo del Limbara aus einen atemberaubenden Panoramablick als Lohn für die kraftraubende Serpentinenfahrt nach oben.
Aber noch bevor am Abend Thiesi nach 95 km und der Bewältigung von 1070 Höhenmetern erreicht ist, öffnet sich in Ozieri ein Blick auf die vieltausend jährige Geschichte Sardiniens. Hier, hoch über der Ebene fand man in Grotten Funde aus Keramik mit geometrischen Figuren, wie sie aus dem Orient bekannt sind. Sie gaben der sardischen Vorgeschichte den Namen ‚Ozieri Kultur’ ( 3200 - 2500 v.Chr.

Nur wenige Kilometer südlich von Thiesi besichtigten wir die hervorragend erhaltenen Zeugnisse der Nuraghenkultur, die sich etwa um 1800- 238  v.Chr. während der Bronzezeit aus der  Bonnanaro-Kultur entwickelte und ihren Namen nach den von ihnen errichteten Steintürmen und Anlagen, den Nuraghen, erhielt. Diese Zeugnisse antiker Statikkunst sind konisch mörtellos  gebaute, wuchtige Rundtürme mit drei Stockwerken. Die Wissenschaft hat nach wie vor noch keine Erklärung dafür gefunden, für welchen Zweck diese einzigartigen Türme von perfektem architektonischen Niveau einst erbaut wurden. Festungen oder religiöse Kultstätten?  Diese hoch stehende Zivilisation mit einzigartig fortgeschrittener technischer Entwicklung hinterließ außer den geheimnisvollen Bauten, kunstvollen Bronzefiguren, perfekten Töpferwaren und Schmuck, offenbar keine Schrift oder graphischen Codes. Selbst über die Herkunft des sardischen Begriffs ‚Nuraghe’ streiten die Gelehrten.

Von der Inselmitte, dem Land der Berge, oder Land der Barbaren, wie die Römer es nannten, sind es etwa 60 km an die Westküste, die letzten 15 km in schneller Talfahrt, zu einer der schönsten Kleinstädte Sardiniens, Bosa. Bosa liegt idyllisch am Lauf des Temo und wird überragt von der Festung Malaspina aus dem 12. Jahrhundert.

Aufklärung mit Murales

Von Bosa aus ging es in das gebirgige Umland, und der Tag wurde am Ende in der Statistik mit ca. 80km und 1450 Höhenmetern verbucht. Auf dem Weg, in Tinnura, einem Bergdorf, überraschen uns zahlreiche großflächige Wandmalereien, die sog. Murales, an den Häusern. Hier haben regionale Künstler vor allem die heile Welt eines landwirtschaftlich geprägten Ortes dargestellt.
1968 entstanden auf Sardinien die ersten „Murales“ genannten großflächigen Wandmalereien. Angesichts der hohen Analphabetenquote noch in den 1970er Jahren leisteten die Murales eine Art Aufklärung mit Hilfe von Bildergeschichten. Sie zeichneten die großen Themen der sardischen Geschichte, das Aufbegehrende gegen die herrschende Ordnung, den verbitterten Zorn der Sarden. Nicht das Wohlgefällige war den Malern damals wichtig, sondern die bedauernswerte Lebenssituation vieler Inselbewohner. Zunächst Laienmaler, später auch professionelle Maler versuchten so, zu einem neuen Bewusstsein der ‚rückständigen’ Bevölkerung beizutragen. Und es war Protest gegen die  ‚Kolonisatoren’  vom italienischen Festland. Diese Kunstform war in den 1920er Jahren in Mexiko nach der mexikanischen Revolution entstanden. In einigen Orten im Inneren der Insel wird diese Kunstform bis heute, mit den Protestthemen von heute, gepflegt.

Die etwa 50km Küstenstrecke von Bosa Richtung Norden nach Alghero erinnerte in ihrer landschaftlichen Vielfalt mit Stränden und Steilküsten an den berühmten Highway Nr.1 in den USA. Die "Erfahrung" dieser phantastische Landschaft  fordert allerdings mit über 1800 hm ihren Preis. Noch heute ist Algheros Altstadt von dicken Befestigungsmauern und trutzigen Wachtürmen umgeben. Die wuchtigen Stadtmauern wurden im 12. Jahrhundert gebaut und im 14. bis 16. Jahrhundert von den Aragonesen erweitert und verstärkt. Ein großer Teil der Bevölkerung  spricht italienisch und katalanisch, Straßen und Plätze sind zweisprachig beschildert.

Eines der bedeutendsten Beispiele für die Architektur im romanischen Stil auf Sardinien ist die Kirche San Pietro Extramuros, „vor den Mauern“ der Stadt.
Doch nicht alle Sehenswürdigkeiten konnten besucht werden. Mit Bedauern ist zu vermerken, dass der Zugang zur Grotta di Netturno am Capo Caccia, nicht weit von Bosa,  eine der schönsten Tropfsteinhöhlen der Region, wegen hohen Meerwasserstandes, nicht zugänglich war.

Auch auf der letzten Etappe nach Porto Torres, wo die Fähre nach Genua wartete, noch einmal ein Blick in die Vergangenheit. Die Ruinen der Nekropole von Anghelo Ruju liegen an der Straße Richtung Porto Torres. Inmitten weiter Rebflächen wurde die größte vorgeschichtliche Begräbnisstätte Sardiniens entdeckt, antike Felskammern, die aus der Zeit um 3500 - 1800 v.Chr. stammen, der Zeit der Ozieri - Kultur. Dann ging  es über Sassari,  zweitgrößte Stadt der Insel, nach Norden, Richtung Meer und Hafen. Und sobald wir im Hafen von den Rädern stiegen, begann der letzte, nicht minder anstrengende Teil der interessanten und sportlich anspruchsvollen Radreise. 12 Stunden brauchte die Fähre nach Genua und dort von dort brachte uns unser Bus in weiteren 12 Stunden nach Stuttgart.

Eine Radreise durch eine beeindruckende Insel mit einer landschaftlichen Vielfalt, die ihresgleichen sucht, ist zu Ende. Der  einzige Platten am eigenen Rad ( es gab Tage, da erwischte es manche gleich mehrfach ) längst vergessen.

(Als Einsstimmung für eine Reise nach Sardinien, wenn es auch ums Kennen lernen der Insel gehen soll, empfehle ich das dtv-Taschenbuch „ Padre Padrone“ von Gavino Ledda. Der  autobiografische  Roman erzählt in beeindruckender Weise vom Schicksal des  geknechteten Hirtenjungen Gavino, der 1938 in Siligo auf Sardinien geboren wurde und heute wieder dort als vielfach ausgezeichneter Sprachwissenschaftler lebt.)

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