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Nordseeküsten-Radweg Schweden
Entlang der Schärenküste
Eine Reisebericht von Ute Blessing
Der schwedische Abschnitt der 6.000 km langen „North Sea Cycle Route“ führt auf 396 km von den Sandstränden der Region Halland, durch den Schärengarten des Bohuslan mit seinen malerischen Fischerdörfern bis in die waldreiche Gebiete an der norwegischen Grenze bei Svinesund und weiter in Norwegens Hauptstadt Oslo.
Wir saßen noch beim skandinavischen Frühstücksbuffet als unsere Fähre aus Kiel in den den Älfsborgfjorden einfuhr. Pünktlich um 9 Uhr erreichten wir Göteborg. Es stand uns gleich zu Anfang die „Königsetappe“ mit 100 km nach Varberg bevor. Der Abstecher in den Süden stand auf dem Programm, da hier der schwedische Abschnitt des Nordseeküsten-Radweges offiziell beginnt (bzw. per Fähre von Grena nach Varberg von Dänemark aus direkt fortgesetzt werden kann), die Anreise von Deutschland nach Göteborg jedoch praktischer ist.
Auf dem Ginsterweg
Zwischen Göteborg und Varberg folgt der Nordseeküsten-Radweg dem „Ginstleden“ durch die Region Halland. Kungsbacka, eine noch relativ junge Stadt, wurde zwar bereits im Mittelalter gegründet, fiel jedoch Mitte des 19. Jahrhunderts einem verheerenden Brand zum Opfer. In der Innenstadt stehen noch viele Holzhäuser aus der Zeit um 1900. Dann geht es erst einmal bergauf auf den Fjäräs Bräcka, einem Hügelrücken, den die letzte Eiszeit hinterlassen hat. Oben angekommen wird man belohnt mit einer herrlichen Aussicht über den Lygern See im Osten und bis zum Meer im Westen. Auf dem Weg hinab streifen wir das Gräberfeld Li, ebenfalls aus der Eisenzeit, und ein Naturzentrum. Dann führt der Radweg entlang der Bahnlinie, zum Teil auch direkt auf einem stillgelegten Bahndamm, bis nach Varberg.
Bäderstadt Varberg
Das Besondere an Varberg sind die Bäder. 1820 begann man hier im Meer zu schwimmen. Als wenig später der Dampfschiffverkehr entlang der schwedischen Westküste seine Fahrt aufnahm, mauserte sich Varberg zum beliebtesten Kurort in Schweden. In den Gebäuden, die zur Jahrhundertwende entstanden, locken heute modernste Wellness- und Spa-Angebote, von Schlamm- und Tangbädern zu Massagen und Sauna. Im Kallbadhus mit seinem Zwiebeltürmchen auf hölzernen Stelzen im seichten Meerwasser unterhalb der Festung steigen noch heute die Badegäste streng nach Männlein und Weiblein getrennt über die Badebrücken ins salzige Nass hinunter. Es ist bereits das dritte Kaltbadehaus an dieser Stelle. Die beiden Vorgänger sind schlimmen Stürmen zum Opfer gefallen.
Wir sind diese erste Nacht im Hotel Gästis untergebracht. In diesem bezaubernden und individuell eingerichteten Hotel gleicht kein Zimmer dem anderen, alt und neu sind zu einer herrlichen Einheit verschmolzen. Wandhohe Bücherregale laden zum Schmökern ein, ein Sammelsurium an Instrumenten erinnert an Musiklegenden und Altkommunisten blicken von den Wänden. Im Erdgeschoss ein weiteres Kleinod: das Leninbad. Diese farbenprächtige Wellness-Anlage wurde von dem historischen Leninbad im Smolny-Mädchenpesionat in St. Petersburg inspiriert, das Lenin während der Oktoberrevolution besuchte.
Schwedens Tor zur Welt
Am nächsten Tag geht es per Zug zurück nach Göteborg. Im Gegensatz zu Stockholm besitzt die zweitgrößte Stadt Schwedens nicht nur den größten, sondern auch einen ganzjährig eisfreien Hafen. 10.000 Schiffe legen hier jährlich an. Im 18. Jahrhundert begann mit der Ostindienfahrt der Aufschwung zum größten Handelshafen Nordeuropas. Im 20. Jahrhundert wurden drei Werften gebaut und die Industrialisierung zog Unternehmen wie Ericsson und Volvo an. Seitdem rollen täglich Tausende von Fahrzeuge direkt vom Band auf die Frachter und in die weite Welt. Auch wenn in den letzten
Jahren auch hier Werften schließen mussten, ist Göteborg immer noch Schwedens wichtigste Handels- und Industriestadt. Der alte Festungsring mit Wallgräben und Parks umgibt noch heute die Altstadt. Breite Boulevards führen von hier aus in die neuren Stadtteile mit Museen, Theatern und weiteren Parks. Am schönsten ist Göteborg jedoch am Yachthafen „Lilla Bommen“ bei der Neuen Oper. Vom rot-weiß gestrichenen Skanska-Hochhaus „Utkiken“ hat man einen tollen Blick auf die Stadt.
Wir verlassen Göteborg in Richtung Norden. Von nun an folgt der Nordseeküsten-Radweg dem ”Cykelspåret”. Die nächsten 37 Kilometer führen auf gut ausgebauten Radwegen, aber leider direkt neben der E6 entlang. Dafür weht uns kurz vor Kungälv der Duft von frisch gebackenen Keksen entgegen. Die Keksfabrik „Göteborgs Kex“ wurde 1888 hier gegründet und ist der führende Keks-Hersteller in Skandinavien. Über der Stadt wacht die Festung Bohus, die der nun beginnenden Region Bohuslän ihren Namen gab. Stenungsund, wichtigstes Zentrum der Petrochemie und Kunststoffherstellung, ist das Tor zum spektakulären Abschnitt der schwedischen Westküste: über die beeindruckende Tjörnbrücke führt der Nordseeküsten-Radweg direkt in den Schärengarten.
Das Brückenunglück von Tjörn
Es war kurz nach Mitternacht am 18. Januar 1980. Dichter Nebel lag über dem Askeröfjord, als der norwegische Frachter „Star Clipper“ plötzlich aus der Fahrrinne geriet und einen Brückenpfeiler der Almöbron so stark rammte, dass der 300 Meter lange Mittelteil der Brücke in den Fjord und Teile auf die Kommandobrücke des Frachters fielen. Durch den Nebel erkannten die Fahrer zu spät, dass die Fahrbahn ins Nichts führte, und so stürzten sechs PKWs und ein Lastwagen in die Tiefe. Insgesamt kamen acht Menschen ums Leben – auf dem Frachter wurde niemand verletzt.
Schon 22 Monate später wurde die neue Tjörnbron dem Verkehr übergeben. Wer heute auf dem Nordseeküsten-Radweg die Brücke überquert, kann sich sicher sein, dass dieses Unglück sich nicht wiederholen kann. Beim Neubau wurde mit der Schrägkabelbrücke eine Konstruktion gewählt, bei der eine Spannweite von 386 Metern möglich ist, so dass beide Pfeiler am Ufer stehen. So schlimm dieses Unglück auch war, so hatte es auch einen positiven Effekt: Seitdem werden alle im Bereich von Schifffahrtsrinnen stehenden Brückenpfeiler mit Schutzeinrichtungen versehen, die abirrende Schiffe von den Pfeilern ablenken.
Durch den Schärengarten
Der Radweg führt nun über eine Reihe schöner Inseln, die durch Brücken und Fähren miteinander verbunden sind. Die Region Bohuslän gilt als der maritimste Landesteil Schwedens. Hier ist das Leben in den Dörfern und Ortschaften noch geprägt von Fischerei, Handel und Tourismus.
Eine Schäre ist eine kleine Insel, die entstand, als das von Skandinavien und Kanada ausgehende Inlandeis die darunter liegenden Gesteinsmassen aus Gneis und Granit überströmte und abschliff. Mit dem Abtauen der Eismassen tauchten die vom Gewicht des Eises befreiten Gesteinsmassen in Form von vielen kleinen Inseln erst in den letzten 10.000 Jahren aus dem Meer auf. Auch heute hebt sich das Land noch, so dass die Inseln weiter wachsen. Sie können wenige Quadratmeter bis einige Quadratkilometer groß sein. Schären kommen vor allem in Skandinavien und Kanada vor, häufig in Gruppen als „Schärengärten“.
Typisch für die Schären sind auch die vielen roten Fischerhäuschen, die sich in den kleinen Häfen an den Fels schmiegen. Sie werden „stuga“ genannt und heute hauptsächlich als Ferienhäuschen genutzt. Viele dieser stugor werden seit Generationen vererbt. So ein „kleines rotes Häuschen am See“ ist der Traum vieler Schweden. Im Gegensatz zu dem sonst so hoch technisierten Land sind die stugor meist einfach ausgestattet, mit holzbefeuertem Küchenherd, Wasser aus dem Brunnen und mit Plumpsklo hinter dem Haus. Laut staatlicher Statistik gab es im Jahr 2006 etwa 680.000 Ferienhäuser in Schweden. Bei ca. 700.000 Familien mit ein oder zwei Kindern hat also theoretisch jede schwedische Familie eine stuga.
Die rote Farbe der Häuschen, das „Falunrot“, wurde als ein Nebenprodukt des inzwischen stillgelegten Kupferbergbaus in Falun gewonnen. Zuerst wurde die Farbe von Hausbesitzern aus den höheren Ständen verwendet, da sie den Holzhäusern das Aussehen der Backsteinbauten Hollands verlieh und somit Wohlstand und Reichtum widerspiegeln sollte. Ende des 18. Jahrhunderts war die rote Farbe dann in allen Gesellschaftsschichten beliebt und ist es vor allem auf dem Land bis heute geblieben. Die weiße Farbe war dagegen sehr teuer und wurde deshalb nur sparsam für die Türen und Fensterrahmen verwendet.
Auf dem kurzen Stück, auf dem der Nordseeküsten-Radweg die Insel Tjörn streift, stoßen wir unverhofft auf ein offizielles Radschild der North Sea Cycle Route. Leider ist die Ausschilderung in Schweden sehr mangelhaft, und auch die lokalen Radwegeschilder – wenn sie überhaupt zu finden sind – zeigen häufig ein weißes Rad auf weißem Grund …
Über eine Brücke geht es hinüber auf die größte Schäreninsel Orust, die Westküste entlang erreichen wir deren Hauptort Ellös.Zwei kleine Fähren bringen uns auf die Inseln Flatön und Skaftölandet und in das malerische Örtchen Fiskebäckskil. Zwischen alten Fischerhäusern finden sich zahlreiche Sommerwohnsitze aus der Frühzeit des Tourismus, schneeweiße Holzvillen wechseln sich ab mit Wohnhäusern in zarten Pastellfarben. Der moderne Ortsteil ist auf die andere Fjordseite verbannt, und so stört kein Neubau das einheitliche Bild. Mit der Passagierfähre über den Gullmaren erreichen wir Lysekil.
In Lysekil – ebenfalls ein charmanter Badeort mit einer eigenen Bäderarchitektur – erwartet uns ein gemütlich und liebevoll geführtes Wanderheim. Der absolute Höhepunkt sollte jedoch das Abendessen sein. Da Wanderheime in der Regel kein Abendessen anbieten, sind wir „auswärts“ Essen in einem gewissen Café Ferdinand: urgemütlich eingerichtet, eine charmante Wirtin und ein ausgezeichnetes Abendessen!
Auch die nächste Unterkunft auf der kleinen Schäreninsel Hamburgö ist wieder sehr originell: Hier wurde die „Alte Schule“ in ein Wanderheim umgebaut. Eng unter die Steilklippen des Vetteberget geduckt liegt der Ferienort Fjällbacka. Vom Stora Kajen hat man einen schönen Blick über den schmalen, eng bebauten Streifen Unterland, auf dem die Hamngatan seewärts von den Pfahlbauten etlicher Lagerhäuser gesäumt wird.
Der Nordseeküsten-Radweg verlässt nun die Inseln, doch schon nach ein paar Kilometern wartet der nächste Höhepunkt, die Felszeichnungen von Tanum.
Weltkulturerbe Felsbilder
Rund um Tanumshede wurden bisher über 10.000 Felsritzungen aus der Bronzezeit gefunden. Durch den großen Reichtum ihrer unterschiedlichen Motive geben sie Aufschluss über das religiöse und soziale Leben vor rund 3000 Jahren. 1994 wurden insgesamt sechs ausgewählte Plätze in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen, von denen Vitlycke das Zentrum bildet. Die Felsritzungen sind die größten und figurenreichsten in Schweden. Als sie geschaffen wurden, lagen diese Plätze am Meeresufer. Heute befinden sie sich aufgrund der skandinavischen Landhebung 25 bis 30 m über dem Meer.
Die Route führt nun durch ausgedehnte Wälder. Gab es weiter im Süden noch Wiesen und Weideflächen und vereinzelt auch Getreidefelder, ist in der Region zur norwegischen Grenze die Forstwirtschaft vorherrschend. Schweden ist eines der waldreichsten Länder der Erde, 56 % der Staatsfläche ist von Wald bedeckt. Ideale Bedingungen auch für mehr als 300.000 Elche, die größte Population in Europa. Sehen wird man wahrscheinlich keinen – es sei denn, man wäre in der Dämmerung schon bzw. noch unterwegs. Aber die Warmschilder am Straßenrand erinnern an die Gefahr von Verkehrsunfällen mit Elchen.
Die letzte größere Stadt vor der norwegischen Grenze ist Strömstad, vor deren Toren 2009 der erste Meeres-Nationalpark in Schweden eingeweiht wurde. Der Nationalpark Kosterhavet erstreckt sich über ein Gebiet von 365 km² und schließt auch Teile der bewohnten Inseln Nordkoster, Sydkoster und Saltö ein. Von Strömstad sind es noch 30 Kilometer bis zur norwegischen Grenze. Hier am Svinesund endet der schwedische Abschnitt des Nordseeküsten-Radweges. Da von hier die Rückreise schwierig ist, radeln wir weiter bis nach Oslo.
Der Himmel ist grau, der Regen nimmt zu, eine Besserung ist nicht in Sicht. Tropfnass kommen wir nach 55 km im norwegischen Sarpsburg an. So trostlos das Wetter – so trostlos die Stadt. Eine graue Industriestadt, die ihre besten Zeiten bereits hinter sich zu haben scheint. Am nächsten Tag schon wieder Sonnenschein! Dazu jedoch auch heftige Fallwinde und Böen, die uns die eigentlich recht flache Etappe erschweren. So kenne ich Norwegen: man muss sich jeden Kilometer hart erkämpfen! Belohnt wird man dafür aber meist durch spektakuläre Landschaften ...
Hinter Gräben und Bastionen versteckt sich die alte Festungsstadt Fredrikstadt, die 1567 vom dänischen König Fredrik II. gegründet wurde und als südlicher Grenzposten des Königsreichs bis in das 21. Jahrhundert hinein eine Militärstadt blieb. Mit ihren Rainaissancebauten und vielen Holzhäusen gibt Fredrikstadt als „besterhaltene Festungsstadt Skandinaviens“.
Die letzte Radetappe Richtung Oslo hat es in sich. Der offizielle Nordseeküsten-Radweg geht nicht bis Oslo, sondern überquert bei Moss den Oslofjord und setzt sich auf der anderen Seite in Horten fort. Die Tour nach Oslo ist also eine Art Zugabe. Da wir die Küste ja mittlerweile verlassen haben und nun hauptsächlich in den ausgedehnten Waldgebieten unterwegs sind, die sich zum Oslofjord hin aufwerfen, wird das Gelände auch zunehmend hügeliger. Ein stetes zähes Auf und Ab. Nach der Mittagspause in dem Örtchen Dröbak (was soviel wie „steiler Hang“ heisst), geht das schmale Küstensträßchen unversehens hoch und höher, steil und steiler, da heisst es für die meisten: Schieben. Oben angekommen erfahren wir, dass dies ein 7 km Rundweg ist – und direkt ins Dorf zurückführt!!! Ein hilfsbereiter Norweger weist uns dann den rechten Weg zur Fähre nach Oslo.
Am nächsten Tag steht noch eine Stadtführung per Rad auf dem Programm, am Nachmittag erfolgt dann der Transfer per Reisebus zurück nach Göteborg, wo wir wieder die Nachtfähre nach Kiel nehmen und zum Abschluss gemeinsam das skandinavischen Buffet genießen.

