Nordseeküsten-Radweg: Dänemark

 

900 Kilometer dänische Nordseeküste ist der ADFC Baden-Württemberg in den letzten beiden Jahren abgeradelt. 900 Kilometer des insgesamt 6.000 Kilometer langen Nordseeküsten-Radwegs, der durch sieben Länder – Deutschland, Dänemark, Schweden, Norwegen, Schottland, England und die Niederlande – rund um die Nordsee führt. 2009 soll die Radtour in Schweden fortgesetzt werden.

Ein Reisebericht von Ute Blessing

Gestartet sind wir 2007 bei Skaerbaek. Zu Beginn ähnelt die Landschaft noch sehr der schleswig-holsteinischen Nordseeküste: flache Wiesen, ein paar Kühe und das Meer versteckt hinter begrünten Deichen. Der Weg führt etwas im Hinterland an kleinen Ansiedlungen vorbei nach Ribe, der ältesten Stadt Dänemarks – die auch eine der schönsten überhaupt sein soll.

Gepflasterte Straßen, Häuser im typisch nordischen Backstein- Fachwerk oder bunt gestrichen, davor Rosenstöcke, auf den Dächern vereinzelt Storchenpaare, überragt von einem Dom aus dem 12. Jahrhundert.

Schon um 700 wurde hier am Ostufer des Flusses Ribe Å ein Handelsplatz gegründet, der sich im Laufe der Jahre zu einem internationalen Knotenpunkt entwickelte. Als sich Mitte des 17. Jahrhunderts die Handelswege änderten und der Fluss Ribe Å versandete, endete die große Zeit der Stadt.

Hinter Ribe radelten wir direkt auf den Deich zu. Vor uns lag – noch in einiger Entfernung hinter den Salzwiesen – das Wattenmeer, eines der wichtigsten Feuchtgebiete der Welt, das einen Lebensraum für zahlreiche Küsten- und Zugvögel bildet.

Hinter dem Deich führt der „Katastrofevej“ entlang, der die Rettungsstationen entlang der Küste verbindet.

Unsere erste Übernachtung auf dänischem Boden fand in Esbjerg statt, eine der jüngsten Städte Dänemarks, die erst 1868 als Staatshafen angelegt wurde und heute den größten Fischereihafen des Landes besitzt. Im Hafen liegen auch die Versorgungsschiffe für die dänische Erdöl- und Gasgewinnung in der Nordsee, die von hier in Richtung der Plattformen fahren. Hier starten auch die Fähren Richtung Großbritannien und zu den Färöer-Inseln.

Am nächsten Morgen stießen wir am Strand von Sædding auf die neun Meter hohe Monumentalskulptur „Der Mensch am Meer“.

Wir fuhren noch ein paar Kilometer direkt an der Küste entlang, dann verändert sich die Landschaft und ausgedehnte Wälder, so genannte Klitplantagen, erstrecken sich hinter der Küste. Sie wurden angelegt, um dem Sand auf seinem Weg ins Binnenland zu stoppen.

Bei Blåbjerg erhebt sich die mit 67 m über Meeresspiegel höchste Wanderdüne Dänemarks. Von hier soll man bei guter Sicht nicht nur bis zur See und nach Esbjerg im Süden und Ringkøbing im Norden sehen, sondern auch  40 Kirchtürme erkennen können.

Nur von der Düne selbst ist nicht viel zu sehen – eine dichte Vegetation aus Heide, Ginster, Buschrosen hat sich im Laufe der Jahre durchsetzen können.

Nymindegab ist der Zugang zur nahen Landenge, genannt Holmsland Klit – eine Verengung, die sich wie eine Insel zwischen der Nordsee auf der einen Seite und Ringkøbing Fjord auf der anderen Seite erhebt. Der Radweg verläuft mal kerzengerade, dann schlängelt er sich wieder durch weite Dünen- und Heidelandschaften. Dazwischen liegen immer wieder Feriensiedlungen. Ferienhäuser scheint es in Dänemark wie Sand am Meer zu geben – mehr als 10.000 sollen es inzwischen allein an der Nordseeküste sein.

Auf der Hälfte des Holmsland Klit verbindet in Hvide Sande ein Schleusenkanal den Ringkøbing Fjord mit der Nordsee. Um die Schleuse ist eine typische westjütländische Fischerstadt entstanden, rund 200 Kähne liegen im Hafen. In den Fischfabriken werden die gefangenen Fische vor Ort weiterverarbeitet und anschließend nach ganz Europa exportiert. 

Eine Nacht in historischen Mauern verspricht uns das Hotel Ringkøbing, das um 1600 errichtet wurde und 200 Jahre später das einzige übrig gebliebene zweistöckige Haus der kleinen, aber dennoch bedeutenden Handelsstadt war. Der dominante Baustil, die dunkelroten Häuser mit ihren weißen Gesimsen und den Halb-Walmdächern entwickelte sich im späten 17. Jahrhundert.
Bei einem nächtlichen Spaziergang stießen wir auf zwei Nachtwächter in traditioneller Uniform. Jeden Abend um neun Uhr, wenn die Kirchenglocken schlagen, beginnen sie ihren Rundgang und singen ihr Nachtwächter-Lied.

Immer weiter nach Norden führte uns unser Radweg. Und immer wieder durch Dünen und Ferienhaussiedlungen, durch Kiefernwälder und auf schmalen Landzungen. In dem Fischerort Torsminde strandeten 1811 zwei britische Kriegsschiffe, 1391 Marinesoldaten kamen ums Leben. 1970 wurde das Wrack St. George gefunden. Tausende Funde wurden geborgen, die im Strandungsmuseum ausgestellt werden.

Hinter dem Bovling Klit beginnt die Steilküste. Der Radweg führt durch Wiesen und Weiden auf die Küste zu, vorbei an zwei einsamen Dorfkirchen, deren Gemeinden wohl der gefräßigen Nordsee gewichen sind.
Am höchsten Punkt der Steilküste mit 41 Meter über dem Meeresspiegel  wacht der Bovbjerg Leuchtturm. Von der Aussichtsplattform muss der Ausblick imposant sein, leider erwischten uns hier die ersten Regentropfen und wir flohen in das kleine Turmcafé.

Am nächsten Tag dann wieder Sonnenschein. Angenehme Radeltemperaturen um die 20 Grad Celsius machen eine Radtour in Dänemark angenehm. Der Wind kommt tatsächlich immer von vorne, obwohl die windschiefen Hecken und Bäume eigentlich Westwind erwarten ließen. Aus welcher Richtung der Wind auch bläst, die unzähligen Windräder richten sich nach ihm aus. Es ist ein ehrgeiziges Vorhaben und einmalig in der Welt: Dänemark deckt schon heute 20 Prozent seines Energiebedarfs allein mit Strom aus Windkraftanlagen. Bis 2030 sollen 50 Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien gewonnen werden. Heute drehen sich mehr als 5000 Anlagen im ganzen Land, die meisten an der Westküste Jütlands und Firmen aus Dänemark beherrschen 50 Prozent des Wind-Weltmarktes.

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1862 verschlang eine Sturmflut regelrecht die Erde und schuf einen Durchbruch vom Limfjord zur Nordsee. Thyborøn entwickelte sich zum zweitgrößten Fischereihafen Dänemarks.  Die Einfahrt für Schiffe, heute durch Molen gesichert, war im Zweiten Weltkrieg Teil des Altantikwalls, der zu einer der größten Befestigungsanlagen zählte. Allein zur Thyborønfestung gehörten 66 große und 40 kleinere Bunker. Eine Fähre brachte uns über den Thyborøn Kanal, danach lädt eine 8,5 Kilometer lange schnurgerade Strecke über eine schmale Landzunge zu ausgiebiger Meditation ein.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war der Transport von landwirtschaftlichen Waren nach Norwegen die Besonderheit der Region Hanstholm. Aus Norwegen brachte man Eisen und Holz. Heute ist Hanstholm Dänemarks größter Fischereihafen, gemessen am Wert der angelandeten Fische. Wir werfen noch einen Blick von der Festung Hanstholm auf den Hafen. Die Festung wurde 1941 fertig gestellt und war Teil der größten Verteidigungsanlage, die die deutsche Wehrmacht in Dänemark errichtet hat. Auch ein paar Kilometer weiter in Vigsø stehen noch einige Bunker frei am Strand, andere werden bereits vom Meer bedeckt.

Auch in Bulbjerg liegt noch ein alter Bunker. Dieser dient inzwischen als Ausstellungsraum und Vogelbeobachtungsstation für eine Kolonie Dreizehenmöwen. Der 47 Meter hohe Kalksandsteinfelsen ist Dänemarks einziger Vogelfelsen.

Hier am Nordwestkap Jütlands beginnt die Jammerbucht, die mit ihren sandigen Stränden, abbrechenden Klippen und enormen Wanderdünen zu den beliebtesten Ferienregionen Dänemarks zählt. Seinen absoluten Höhepunkt findet der Nordseeküsten-Radweg eben hier in der Jammerbucht: satte 15 Kilometer geht es zwischen Blokhus und Løkken direkt auf dem breiten Strand entlang. Hier ist der Sand meist so fest, dass er gut mit dem Fahrrad befahren werden kann.
15 Kilometer Nordseeküste pur!

Ein paar Kilometer weiter wartet schon ein weiterer Höhepunkt. Die Rudbjerg Knute bildet den höchsten Punkt der Steilküste bei Lønstrup. Zu den 50 Metern des Küstenkliffs hat der Wind in den vergangenen Jahrzehnten den durch die Erosion losen Sand um weitere 50 Meter aufgehäuft, so dass sie mit bis zu 100 Metern Höhe die höchste wandernde Düne Europas ist. Der teilweise versandete Leuchtturm Rudbjerg Knude Fyr wurde im Jahre 1900 gebaut und musste 1968 wegen Sandtreiben stillgelegt werden. Jedes Jahr frisst sich das Meer ein bis zwei Meter näher heran.

In der Nacht hatte es zu regnen begonnen – wie vorhergesagt. Nach dem Frühstück regnete es noch immer in Strömen und der Himmel verhieß keine Besserung. Wir beschlossen, die Weiterfahrt noch etwas aufzuschieben und stattdessen das größte Aquarium Europas, das Nordsøn Oceanariet in Hirtshals zu besuchen.
Mittags noch immer dasselbe Bild. Wir wollten jedoch weiter und sattelten die Räder. Tief vermummt verließen wir die Hafenstadt. Zum Glück führte die Route an diesem Tag häufig durch Waldgebiete, die Schutz vor dem heftigen Nordwind bieten. Die sonst recht gut befahrbaren Schotter-Radwege haben sich in Kürze in eine Piste mit undefinierbar tiefen Wasserlöchern verwandelt. Nach 35 Kilometern waren wir am Ziel – und fanden in dem historischen Gasthof in Ǻlbæk sogar einen Trockenraum für unsere triefnassen Klamotten vor.

Von Ǻlbæk aus führte uns ein Ausflug ans dänische Nordkap. Früher bestand das Gebiet südlich von Skagen fast ausschließlich aus Wanderdünen. Um eine feste Straßenverbindung nach Skagen zu bauen, wurden viele Wanderdünen bepflanzt. Heute noch befinden sich hier die beiden größten Wanderdünen Dänemarks. Die größte ist mit einer Fläche von über einem Quadratkilometer Råbjerg Mile. Sie ist bis zu 40 m hoch und wandert 15 Meter pro Jahr in ostnordöstlicher Richtung.

Ein paar Kilometer weiter ragt nur noch ein Kirchturm aus dem Sand. Die Kirche Sct. Laurenti wurde vermutlich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts errichtet. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde auch sie von einer Wanderdüne erreicht. 1795 wurde der Kampf um die Kirche aufgegeben. Das Kirchenschiff wurde abgerissen, nur der Turm blieb als Seezeichen für die Schiffe stehen.

Auch die äußerste Landspitze, Grenen, wo Kattegatt und Skagerrak aufeinander treffen, ist durch die Kraft des Meeres und der stürmischen Winde ständigen Veränderungen unterworfen. Auch sie wandert mit bis zu zehn Meter pro Jahr immer weiter in ostnordöstliche Richtung. Das hat sie vor allem früher für die Schifffahrt unberechenbar gemacht und wurde im Laufe der Zeit für Tausende von Schiffen zum Verhängnis. Um den Schiffen die Navigation zu erleichtern, wurden früher Leuchtfeuer errichtet, die wie alte Ziehbrunnen aussehen. Ein Eisenkorb konnte in diesem Wippleuchtfeuer an einem großen Hebel mit brennendem Holz beladen nach oben gezogen werden und war dadurch weithin sichtbar. Über 100.000 Schiffe umrunden jährlich die Landspitze Grenen – und sicherlich ebenso viele Touristen pilgern an die Spitze, um mit einem Fuß in der Nord- und mit dem anderen in der Ostsee zu stehen.

Ursprünglich waren die Häuser von Skagen weiß gekalkt und die Dächer mit roten Ziegeln gedeckt und mit weißen Ornamenten verziert. Jedes Jahr zur Pfingstzeit wurden die Häuser mit einer Mischung aus Kalk und der Erdfarbe Ocker gestrichen. Der damalige Baustil, der in den alten Vierteln zu sehen ist, findet auch bei Neubauten seine Fortsetzung. Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte eine Gruppe von Malern Skagen und es entstand eine Künstlerkolonie. Sie waren fasziniert von dem besonderen Licht, der einzigartigen Landschaft und dem harten Alltag der hier lebenden Fischer.

In Skagen endet der uns inzwischen lieb gewordene Vestkystien Radweg Nummer 1. Von nun an geht es auf der nationalen Route 5, die Østkystruten, gen Süden. Frederikshavn wurde bereit 1568 als Festung des Königreiches Norwegen-Dänemark erwähnt. Das einzige aus der Zeit der Befestigung um 1690 erhaltene Bauwerk ist das heutige Wahrzeichen der Stadt, der runde weiße Pulverturm. Zentraler Punkt ist der Hafen, um den sich alles reiht: der Fährhafen, die Werft und der Militärhafen.
Gemütlicher geht es dagegen im Hafenstädtchen Sæby zu mit seinen historischen Häusern, malerischen Kopfsteinpflastergassen und schönem Sandstrand.

Der Nordseeküsten-Radweg führt nun hauptsächlich durch landwirtschaftliches Gebiet, durch weitläufiges Weide- und Ackerland mit beeindruckenden Gutshöfen. 62 Prozent der Fläche Dänemarks werden landwirtschaftlich genutzt. Dänemark ist Kartoffelland und Kartoffeln sind die Standardbeilage für jede Mahlzeit.  Auf einer Radtour durch Dänemark kommt man immer wieder an handgezimmerten Schildern mit der Aufschrift „Nye Kartofler“ vorbei. An kleinen Ständen werden Kartoffeln, Eier und Gemüse angeboten – direkt vom Erzeuger. Das Geld wirft man einfach in eine Blechbüchse oder ein Glas am Verkaufsstand.

Immer wieder wird die Ostküste durch tief ins Land führende Fjorde eingeschnitten, über die kleine Fähren übersetzen, und dazwischen Lille Vildmose, das größte Hochmoor Nordwesteuropas mit einzigartiger Natur: weiträumige Moorstrecken, Seen, üppige Grasfenne, natürliche Wälder und eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt. Die Bildung des Hochmoors begann vor gut 1500 Jahren, seit 1983 steht Lille Vildmose unter internationalem Schutz und ein brandneues Besucherzentrum informiert über den Naturpark. Der Radweg führt direkt am Naturschutzgebiet und an mehreren Beobachtungstürmen vorbei.

Einige Kilometer weiter stießen wir an der Straße nach Nørager auf das Tustruper Gräberfeld, eine Ansammlung vorzeitlicher Monumente bestehend aus zwei Dolmen, einem Ganggrab und den Resten des so genannten Kultbaus.

Dann hatte uns die Nordsee beziehungsweise das Kattegatt wieder. Während an der Ostküste Jütlands die Strände oftmals mit Schilf bewachsenen Seeufern gleichen, gibt es an der Nordküste der Region Djursland wieder Sandstrand, Campingplätze und in Fjellerup ein Strandcafé mit Vaffelbaggeri. Ein schöner, regionaler Radwegabschnitt, führt direkt an der Küste entlang, die sich hier nicht mehr hinter hohen Dünen oder Deichen versteckt.

Da der Wind einmal mehr von hinten schob – dem Westwind sei Dank -, die Nachmittagssonne die Küste in sanftes Licht hüllte und für den nächsten Tag wieder einmal Regen angesagt war, fuhren wir einfach bis nach Grenå durch. Hier endet der dänische Teil des Nordseeküsten-Radwegs. Von Grenå legen die Fähren ins schwedische Varberg ab, von wo die North Sea Cycle Route die nächsten 396 km die schwedische Küste entlangführt.

Ute Blessing

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